Spaziergänge
"Natürlich" rund um Monheim

VON INGRID KNEBEL

 

Veröffentlicht wurden die nachstehenden Kolumnen
unter dem Titel "Natürlich" 2003/2004
in der Rheinischen Post 
Langenfeld/Monheim.

 


 

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Hochwasser und Eis (1)
Januar

 

Hartung ist der erste Monat im Jahr. Er wird auch Eismond oder Jänner genannt. Bei uns ist er besser bekannt als Januar. Seinen Namen erhielt er nach dem römischen Gott Janus, dem Gott mit dem Doppelantlitz.

   Das Widersprüchliche seines Gesichtes präsentiert er gleich am Anfang dieses Monats. Am 4. erreicht das Hochwasser des Rheins mit 9,70 Meter seinen Scheitelpunkt. Die Straße von Baumberg nach Urdenbach ist völlig überflutet. Wiesen und Felder der Urdenbacher Kämpe und Baumberger Aue sind ein einziges Wassermeer, Haus Bürgel eine Insel. Hasen, Kaninchen, Füchse, Maulwürfe und andere Tiere, die sich nicht auf die höher gelegene Wildschutzinsel retten konnten, müssen elendig in den Fluten ertrinken.

   Sinkende Temperaturen und Schneefall stoppen den Anstieg des Wassers. Einsetzende Kälte verwandelt Wiesen und Felder in ein Eismeer. Bei sinken­dem Rheinpegel ist der Sog zum Fluss unwiderstehlich. Unter dem wenige Zentimeter starken Eis fließt das Wasser ab. Zurück bleibt in der Luft hän­gendes Eis, das manchmal nur ein wenig durch vorjährige Pflanzenreste, Weidezäune oder Bäume gehalten wird. Doch nur kurzzeitig. Überall fallen Eisplatten mit lautem Getöse auf den Boden, zerbrechen und hinterlassen ein optisches Chaos. Es ist gerade so, als wäre ein Riese übers Land geeilt, der in seiner Zerstörungswut alles zertrümmert hat. Bei jedem Krachen fliegt ein Trupp Vögel erschreckt auf. Es sind Rotkehlchen, Meisen und Amseln.

   Wo Senken sind, hat sich eine spiegelglatte Eisschicht gebildet. Eltern mit Kindern, Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene vergnügen sich dort mit Schlittschuhen und Schlitten.

   Leider währt der Winterspaß nur das vorige Wochenende lang, dann setzt wärmeres Schmuddelwetter ein. Wir Menschen mögen so große Tempera­turunterschiede nicht, weil das zu Erkältungen und Kreislaufbeschwerden führt.

   Die Tiere draußen in der Natur aber können aufatmen. Jetzt sind Gräser, Knospen, Brombeerblätter und kleines Getier wieder besser für sie erreich­bar. Das Leben und damit ihr Überleben wird leichter.

 


 

Von Königen

und goldenen Hähnchen (2)
Januar


Eine kleine Bewegung im Unterholz. Sofort gleitet der Blick dorthin und versucht zu ergründen, was es wohl gewesen sein mag. Doch das kahle Gestrüpp der Büsche gibt nichts preis. Dann ist er erneut da, der kleine braune Schatten, der gleichsam durchs Geäst zu hüpfen scheint. Als er sekundenlang auf einem Zweig innehält, ist dies Zeit genug, ihn end­lich zu erkennen. Es ist der Zaunkönig: Ein unscheinbar brauner Vogel, dessen gewaltiges Stimmvolumen im Frühjahr jeden Spaziergänger ent­zückt.

   Er ist von der Schnabel- bis zur Schwanzspitze gerade einmal zehn Zenti­meter und wiegt nur neun Gramm. All das hindert ihn jedoch nicht, sehr viel Standvermögen zu beweisen. Verbringt er doch den Winter hier bei uns und flieht nicht vor Eis und Schnee in wärmere Gefilde. Allerdings weiß er sich gegen zu starke Auskühlung zu schützen. So kuscheln sich in kalten Winter­nächten gleich mehrere Zaunkönige zusammen in eins ihrer Nester. Tags­über jedoch ist es aus mit der nächtlichen Wärmefreundschaft, dann ver­teidigt jeder sein Nahrungsrevier vor frechen Artgenossen.

   Dauernd in Bewegung sind die absolut kleinsten heimischen Singvögel: die Wintergoldhähnchen, die sich gerne in Nadelbäumen aufhalten, aber auch im Auwald zu finden sind. Mit nur fünf Gramm sind sie ausgesprochene Leicht­gewichte bei einer Größe von neun Zentimetern. Strenge Winter machen den flinken Zwergen sehr zu schaffen und führen oftmals zum Tod. Doch mit ihren zwei Jahresbruten von jeweils sieben bis zwölf Eiern sichern sie ihre Arterhaltung. Ihre Nahrung besteht aus kleinsten Insekten und deren Lar­ven, die sie von Baumrinden und Blättern picken.

   Nach der anstrengenden Brutzeit gehen sie zum geselligen Teil über: Nicht nur mit Artgenossen treiben sie sich dann herum, sondern auch mit Meisen und Baumläufern.

 



 

Winterschläfer und Maulwurf (3)
Februar

 

Wind, Regen, Eis und Schnee. So muss nach alten Bauernregeln das Wetter im Februar sein, wenn das Frühjahr schön und die Ernte gut werden soll. Doch das Wetter schert sich nicht um die Wünsche von uns Menschen und auch nicht um die Befindlichkeiten der Tiere. Jeder muss eigene Strategien entwickeln, um über die manchmal unwirtliche Zeit zu kommen.

   Igel, Haselmaus und Siebenschläfer – was treiben sie eigentlich den Winter über? Sie tun schlichtweg gar nichts. Zwischen Reisig, Baumwurzeln und Laub haben sie sich zu einem langen Schlaf niedergelegt. Fast sieben Monate zehren sie von der Fettschicht, die sie sich im Spätsommer zugelegt haben. Wenn Winterschläfer dann im Frühjahr erwachen, sind sie manchmal so abgemagert, dass ihnen das Fell um den Leib schlottert.

   Ganz anders macht es der Maulwurf. Er ist auch im Winter überaus aktiv. Nur starker Frost kann seine Wühltätigkeit bremsen. Doch sobald das Wetter wieder milder ist, holt er alles nach, was er versäumt hat: Dann kann man miterleben, wie auf Weiden, Wiesen, Äckern oder Rasenflächen reihenweise seine feinkrümeligen Erdhügel auftauchen. Zu Gesicht bekommt man den fleißigen „Erdwerfer“ kaum, denn sein Leben spielt sich fast ausschließlich im Boden ab. Dort hat er eine gemütliche Wohnkammer, die mit Halmen, Wur­zeln und Federn ausgepolstert ist. In Gärten gilt er als Plagegeist, weil er die dort angestrebte Ordnung stört. Dabei ist sein emsiges Tun von großem Nutzen. Mit schier unendlichem Appetit vertilgt er täglich bis zu 100 Gramm Engerlinge, Schnecken, Asseln, Regenwürmer und Kerbtiere.

   Anfang des 20. Jahrhunderts ging es ihm mal ziemlich an den Kragen. Sein feines Fell, das keinen Strich aufweist, wurde für die Pelzindustrie ent­deckt. Bis zu tausend Tiere ließen ihr Leben für einen einzigen Mantel.

   Heutzutage ist der Maulwurf ein Star; zumindest in einigen Zeichentrick­filmen erfreut er mit seinen Abenteuern viele Kinder. Aber auch im richtigen Leben steht es besser um ihn: Er ist mittlerweile streng geschützt.

 


 

Kormoran und Frühblüher (4)
Februar

 

Es sieht nach einem Unwetter aus. Graue Wolken eilen vom Wind getrieben nach Norden. Zwischen den regenschweren Gebilden mogeln sich immer wieder helle Sonnenstrahlen auf die Erde. Sie treffen auf den Baggersee und lassen ihn silbern aufleuchten. Ein einzelner Kormoran durchbricht den Lichtstrahl und landet. Er sieht wie ein schwer­beladenes Schiff aus, so tief liegt er auf der Wasseroberfläche. Plötzlich bäumt er sich etwas auf und verschwindet völlig. Als Taucher ist er ein absoluter Profi, doch sein Gefieder ist nicht wie das der Enten hundert­prozentig wasserabweisend. Zwischendurch muss er immer wieder seine Flügel am Ufer ausbreiten, um sie zu trocknen.

   Die schwarze Rabenkrähe lässt sich vom Wind treiben. Er greift ihr ordentlich unter die Flügel, dass sie zeitweilig fast so mühelos wie ein Greifvogel die Luft durchquert. Doch die Eleganz des Bussards erreicht sie nicht. Er ist ein Meister im Segelfliegen, der die Winde geschickt nutzt und seine Flügel nur für kleine Kurskorrekturen ein wenig bewegt. Seit Wochen schon ist er in Balzstimmung. Es sieht lustig aus, wenn man zufällig Zeuge wird, wie Männchen und Weibchen sich an den Krallen verhaken und sich mit Schwung in luftiger Höhe um einander drehen.

   Aus der Böschung löst sich ein Teichhuhn und rudert am Ufer entlang, still und leise. Ganz im Gegensatz dazu bewegen sich die schwarzen Blässhüh­ner, deren schrille Rufe weithin hörbar sind. Oft genug sind sie so zänkisch, dass sie einen missliebigen Artgenossen mit schnellem „Flatterlauf“ über den See treiben.

   Es fängt an zu regnen. Wie schade. Alles ist nur noch grau und trüb. Und doch zeigt das Frühjahr schon erkennbare Spuren. In Gärten und Anlagen sind Schneeglöckchen freundliche Lichtblicke und erhellen den trostlosen Boden. Auch Weidenkätzchen lugen schon silbrig aus den braunen Zweigen.


Es dauert noch ein bisschen,
doch irgendwie scheint
der Frühling schon nahe.

 


 

Wintergesellschaft und Eisvogel (5)
Februar

 

Kalt ist es heute, aber sonnig. Bei jedem Schritt auf dem Feldweg knirscht unter den Füßen dünnes Eis, das den schlammigen Boden über Nacht verkrustet hat. Die Spuren von Profilsohlen, Hundepfoten und Trecker-Reifen sind zu starren Kunstwerken gefroren. Doch nur kurz­zeitig, bis die Sonne das leichte Eis zum Schmelzen bringt und den Feldweg wieder in tiefgründigen Matsch verwandelt. Raureif hat Gräser und Laub mit einem weißen Mantel aus zierlichen Eiskristallen umhüllt.

   Eine gemischte Wintergesellschaft von mehreren hundert Vögeln hat sich zur Nahrungssuche auf einem Feld nieder gelassen. Im hinteren Teil sind es die heimischen Krähen und Stare, auf dem Streifen davor Wintergäste aus dem hohen Norden. Es sind weit über hundert Wacholderdrosseln und da­zwischen die seltenen Rotdrosseln, die ihren Namen wegen ihrer rostroten Flanken und Unterflügel erhielten.

   Wenige hundert Meter weiter bietet sich ein gänzlich anderes Bild. Hinter dem Tümpel des Naturschutzgebietes Baumberger Aue hat sich eine Menge größerer Vögel versammelt. Neben den weithin sichtbaren Schwänen stehen dort Graugänse, Kanadagänse, Rostgänse und Nilgänse.

   Unser Weg führt uns nun auf den Damm von Baumberg nach Urdenbach. Von weitem schon schallt uns das „Gelächter“ des Grünspechts entgegen, das in geiferndes Protestgeschrei übergeht. Erst fliegt ein Specht eilig davon, dann zwei gemeinsam hinterher. Hier wurde wohl ein ungeliebter Neben­buhler erfolgreich in die Flucht geschlagen.

   Dann plötzlich ein scharfer charakteristischer Pfiff. Wir sind alarmiert. In geringer Höhe über das Wasser des Baumberger Grabens fliegt mit rasanter Schnelligkeit der Eisvogel. Sein Rücken ist so unglaublich türkisblau, dass man an eine Augentäuschung denkt. Ein über dem Wasser hängender Zweig kommt ihm gerade als Sitzwarte gelegen. Dort verharrt er minutenlang re­gungslos. Sein großer Kopf mit dem fast dolchartigen langen Schnabel ist aufmerksam nach unten gerichtet. Sollte sich irgendein kleiner Fisch dort unten im Wasser bewegen – sein Schicksal wäre besiegelt. Doch die Fische haben noch einmal Glück. Spaziergänger nähern sich von der anderen Seite. Pech für den Eisvogel. Er zieht hungrig weiter. Für uns jedoch ist dieses Erlebnis der krönende Abschluss unseres Spaziergangs.

 


 

Singschwäne und Judasohr (6)
Februar

 

Gerade wollen wir auf den stillen Waldweg hinter Haus Bürgel ein­biegen, als wir ein leises, klagendes Rufen hören. Am blassblauen Himmel taucht ein Trupp Schwäne auf. Es ist ein schönes Bild, wie acht dieser großen weißen Vögel mit kraftvollen Flügelschlägen auf uns zufliegen. Doch halt, das sind ja gar nicht unsere heimischen Höcker­schwäne, deren mächtige Flügel beim Fliegen mit laut sirrenden Geräuschen die Luft durchteilen. Dort oben fliegen Singschwäne aus Skandinavien oder Sibirien, die in unserer Region ganz selten zu sehen sind. Vom Höcker­schwan unterscheiden sie sich durch Form und Farbe des Schnabels. Er hat keinen Höcker und ist gelb mit schwarz. Schwäne sind ausgesprochene Familien„menschen“. Sie bevorzugen die Einehe und verbringen mit ihren Jungen zusammen den Winter. Manchmal gesellen sich sogar noch die Kinder des Vorjahres zu ihnen. Wir schauen ihnen nach, bis sie sich hinter dem Pappelgehölz am Rhein verlieren.

   Zurück zu unserem Waldweg, wo durch das noch kahle Geäst die Strahlen der Sonne wie silbrige Pfeile bis auf den Boden dringen. Unter dem fahlen Laub wächst schon ein ganzes Heer von kleinen grünen Pflanzen heran. An einem abgestorbenen Ast lässt die Sonne sonderbare rosabraune Gebilde aufleuchten. Sie ähneln verblüffend menschlichen Ohren. Es sind Pilze, die Judasohr heißen. Sie sind durchscheinend dünn mit feinfilziger Oberseite und rippenartigen Erhebungen auf der Innenfläche. Sie haben nichts Giftiges an sich, also kann man sie ruhig einmal vorsichtig berühren. Am schönsten sind sie kurz nach einem Regen. Dann ist das so, als streiche man über kühlen Samt. Durch ihren erdig-muffigen Geschmack konnten sie nie Einzug in un­sere Küchen halten. In Japan und China hingegen sind die „Ohrlappenpilze“ von alters her sehr beliebt.

Da diese Pilze hauptsächlich auf Holunder wachsen, gab man ihnen den Namen „Judasohr“, weil Judas an einem Holunderbaum seinem Leben ein Ende gesetzt haben soll.

   Auf dem Heimweg überraschen wir nach einer Wegbiegung einen Grau­reiher, der beim Mäusefangen ist. Als er uns sieht, fliegt er auf. Mit s-förmig gebogenem Hals gleitet er gemächlich über die Felder davon.

 


 

Enten und Gänsesäger (7)
März

 

Eisige Nächte, doch klare, schöne Tage hat uns der Februar zeitweilig beschert und gezeigt, dass die Sonne an windgeschützten Stellen schon richtig warm sein kann. Im Binnenland hat der Frost Tümpel und Baggerlöcher mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Nur noch an kleinen offenen Stellen finden die Wasservögel Nahrung. Doch es gibt ein Gewässer, das steht auch bei niedrigen Temperaturen immer zur Verfügung. Es ist der Rhein, der sich als geeignetes Ausweichquartier und Nahrungs­reservoir anbietet.

   Direkt unterhalb der neuen Deichmauer in Monheim entdecken wir sieben Mandarin-Enten am Spülsaum des Flusses. Die ursprünglich aus Ostasien stammenden Tiere haben sich aus Parkflüchtlingen zu freifliegenden Popula­tionen entwickelt. Doch die sieben haben ein nicht unerhebliches Problem, es kommen nur zwei Weibchen auf fünf Männchen. Deshalb ist es nicht ver­wunderlich, dass sich jeder dieser exotisch bunten Erpel um die Gunst der unscheinbaren Weibchen bemüht. Gelingt einem der Versuch, eins zu sepa­rieren, so ist dies nur von kurzer Dauer. Sofort neidet ein Nebenbuhler ihm den kleinen Erfolg und zwingt die zwei Abtrünnigen zur Gruppe zurück.

   Wie aus dem Nichts tauchen plötzlich zwei helle Vögel auf und landen auf dem Rhein. Es ist ein höchst elegantes Paar. Er mit fülligem tiefschwarzem Schopf, sie mit rostroten, modisch am Hinterkopf abstehenden Federn. Es sind Gänsesäger, die nur den Winter hier bei uns verbringen.

   Die Wellen des Rheins haben eine Gruppe Enten herangetragen. Ein Schellenten-Mann mit dem auffallenden weißen Punkt am schwarzen Kopf befindet sich in Begleitung von dreizehn Damen seiner Art. Ihren Namen erhielten sie durch die schellenartigen Geräusche, die beim Fliegen erklingen. Plötzlich spritzt Wasser auf. Ein Vierertrupp Schellenten hat sich noch dazu gesellt. Drei Männchen im kontrastreichen schwarzweißen Prachtkleid fangen an, um die Gunst des gerade mit ihnen gelandeten Weibchens zu balzen. Ekstatisch werfen sie mehrmals den Kopf nach hinten bis auf den Rücken. Dieses eine Weibchen hat es den Dreien angetan, obwohl sie wenige Meter weiter nach Herzenslust aus dem Pulk der dreizehn sich eine auswählen könnten. Fast mutet es menschlich an.

 


 

Hasen und Misteln (8)
März

 

"Im Märzen der Bauer sein Rösslein einspannt ...“ Ob dieses nette Kinder­lied auch heute gelegentlich noch gesungen wird? Natürlich ist es ver­altet, denn Trecker haben die Pferde ersetzt. Aber immer noch werden die Felder im Frühjahr bestellt. Doch einige Flächen sind bereits mit zartem Grün überzogen. Dort ist die Wintersaat mit kleinen Pflanzen herangewach­sen. Und diese tragen dazu bei, dass ein wohlbekanntes Säugetier, der Feld­hase, auch in der kalten Jahreszeit noch Nahrung findet.

   Eigentlich ist der Hase ein Nachttier, doch im Frühjahr gibt er nicht nur sein Leben als notorischer Einzelgänger auf, sondern versammelt sich mit anderen auch tagsüber an bestimmten Plätzen. Dann sieht man sie in wilder Jagd über die Felder flitzen.

   Das Leben eines Hasen ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Er hat nicht wie das Kaninchen einen unterirdischen Bau, in den er sich bei Gefahr oder schlechtem Wetter zurückziehen kann. Der Hase ist jedem Wetter unmittel­bar ausgesetzt. Sein einziger Besitz ist eine flache Mulde, in die er sich drückt. Die Häsin wirft manchmal schon im März die ersten Jungen, die nur zu oft sterben, weil sie das nasskalte Wetter nicht überstehen. Junghasen haben eine harte Jugend. Sie werden höchstens zweimal in 24 Stunden gesäugt, in der übrigen Zeit sind sie gänzlich auf sich selbst gestellt. Einen Vorteil hat ihnen die Natur doch mitgegeben. Sie sind völlig geruchlos, was sie einigermaßen vor Raubtieren schützt.

   Im Pappelgehölz am Feldrand fallen in den unbelaubten Zweigen kugelige, fast nestartige Büschel auf. Es ist die immergrüne Mistel, die ein Halbschma­rotzer ist und sich über ihren Wirtsbaum Nährsalze und Wasser holt. Zurzeit blüht sie. Die eng beieinander stehenden gelblichgrünen Blüten sind ziemlich unscheinbar. Besser bekannt sind Misteln mit ihren weißlichgelben Beeren als Weihnachtsschmuck.

   Drosseln fressen gerne die reifen Beeren mit ihrem stark klebrigen Fruchtfleisch und scheiden dann die unverdauten Samen als Mist aus, daher rührt auch ihr Name. Sie bleiben auf manchem Ast oder Zweig haften, wo dann die Keimung beginnt.
 

Die Sonne geht gerade
am Horizont unter und
taucht Feld und Bäume
noch einmal in ein warmes Licht,
bevor der Tag
sich seinem Ende zuneigt.

 


 

Trotz Kälte tiriliert eine Lerche (9)
März

 

Ungemütlich ist es wieder geworden! Ein kalter Wind bläst uns ins Gesicht, dass wir froh sind, Mütze und Schal mitgenommen zu haben. Jeden Tag konfrontiert uns der März mit einem anderen Wetter.

   Auch Vögel sind nicht gern bei Wind unterwegs. Nur vereinzelt sind sie in der Luft oder auf den kabbeligen grauen Wellen des Rheins zu sehen. Doch plötzlich horchen wir auf. Am neuen Deich ist vom Acker tirilierend eine früh zurückgekehrte Lerche in den grauen Himmel aufgestiegen. Einen kurzen Moment steht sie jubilierend im Wind, dann lässt sie sich zurück auf den Acker fallen. Es ist wie ein kleiner Frühlingsgruß an einem Tag, der genau das Gegenteil mit seinem ruppigen Wetter bekundet.

   Auf dem Langenfelder Wasserski-Baggerloch sehen wir dann doch noch einen munteren Trupp Reiherenten. Dort, wo später im Jahr Wassersportler in rasanter Fahrt mit aufspritzender Gischt dahinsausen, haben diese netten, kleinen Enten auf ihrer Tour nach Norden einen Zwischenstopp eingelegt. Obwohl immer irgendwelche auf Tauchstation gehen, zählen wir schließlich dreizehn Weibchen und ebenso viele Männchen, die sich schon prächtig her­ausgeputzt haben. Sie sind schwarz mit weißen, scharf abgesetzten Flanken, und an ihrem Hinterkopf haben sie einen herabhängenden Federschopf, der an die Frisur mancher Punker erinnert. Einige Reiherenten haben in der Ver­gangenheit auch schon bei uns am Monbag-See gebrütet. Die Männchen sind krasse Egoisten und nur auf ihr eigenes Wohl bedacht. Sie überlassen ihren Weibchen Nestbau, Brutgeschäft und Aufzucht der Jungen.

   Im nahegelegenen Knipprather Wald ist ein Zimmermann am Werk. Man hört ihn mit hartem Stakkato hämmern. Das ist zur Nahrungssuche förder­lich, doch im Frühjahr macht der Buntspecht so die Weibchen auf sich aufmerksam. Er ist ein netter Partner, der nicht nur beim Bau der Bruthöhle hilft, sondern auch beim Brüten und der Jungenaufzucht.

Wir verlassen den Wald und haben
jetzt erfreulicherweise den Wind im Rücken,
doch die Aussicht auf eine heiße Tasse Kaffee
lässt uns unverzüglich nach Hause eilen.

 

 


 

„Frühling lässt sein blaues Band

wieder flattern durch die Lüfte…" (10)
März

 

Eduard Mörikes Gedicht aus dem 19. Jahrhundert spiegelt ein wunder­bares Gefühl wider, das sich alljährlich erneut einstellt, wenn nach langer Winterzeit der Frühling beginnt. Man begrüßt dann begeistert wie alte Bekannte die ersten Gänseblümchen und die Blüten des Huflattichs, die auf Brachen und Wiesen gelbe Akzente setzen. Die Bachstelzen sind zu­rückgekehrt und flattern auf der Suche nach Nahrung von einer Ackerscholle zur anderen. Dabei wippt ihr Schwanz unaufhörlich auf und nieder.

   Ein Pärchen Goldammern huscht in ein Feldgehölz. Wie gelb der Kopf des Männchens in der Sonne leuchtet! Auch dicke Hummeln und emsige Bienen sind unterwegs und fliegen die schon vor Pollen strotzenden Weidenkätzchen an. Ein Hausrotschwanz hält kurz auf einem Zaunpfahl inne, ehe er im gegen­über liegenden Gebüsch seinen Geschäften nachgeht.

   Am Baggersee in der Nähe der Langenfelder Straße entdecken wir eine Menge Wasservögel. Fünf Kormorane stehen wie aufgereiht am Ufer und zeigen an Kopf, Hals und Seiten weiße Federn, die nach der Brutperiode wieder ausfallen. Reiherenten und Schellenten schwimmen in kleinen Trupps auf dem Wasser und entziehen sich hin und wieder den Blicken durch lange Tauchgänge. Ihre bevorzugte Nahrung sind Muscheln.

   Einige Nilgänse landen am Uferrand und lassen die anderen Tiere auf Distanz gehen. Sie sind sehr wehrhaft und können sich durch Zischen und Flügelschlagen Respekt verschaffen. Ursprünglich kommen sie aus Afrika, doch als verwilderte Parkflüchtlinge haben sie sich in den letzten Jahren bei uns stark vermehrt. Während das Weibchen laute nasale Rufe ausstößt, kann das Männchen neben heiserem Zischen nur dezent pfeifen.

   Auf dem Rückweg entdecken wir noch im kleinen Wäldchen bei Schloss Laach dunkelgrüne auf dem Waldboden sich ausbreitende Blätter mit schönen blauen Blüten. Es ist das Kleine Immergrün, das zur Familie der Hundsgiftgewächse gehört und vielen gut bekannt ist als Bodendecker auf Gräbern.

 


 

Im Naturschutzgebiet Baumberger Aue (11)
März

 

Ein leichter Wind huscht über das Wasser des Tümpels am Natur­schutzgebiet Baumberger Aue und schiebt kleine Wellen vor sich her. Mattblau schimmert der Himmel auf der Wasseroberfläche. Bewe­gungslos steht ein grauer Reiher am seichten Ufer und wartet geduldig auf Beute. Sein Bild spiegelt sich schlingernd im bewegten Wasser.

   Wenige Meter entfernt liegt mitten im Tümpel ein Stück braunes Holz, das plötzlich eine Eigendynamik entwickelt und sich mit beachtlicher Schnelligkeit fortbewegt. Es ist ein Bisam, der eine v-förmige Linie ins Wasser zeichnet und sie wie eine Schleppe hinter sich herzieht. Immer wieder taucht er ab, um etliche Meter weiter erneut an die Oberfläche zu kommen.

   Ein Rostgänsepaar verständigt sich mit nasalen, klangvollen Rufen. Männ­chen und Weibchen sehen mit ihrem rostroten Gefieder fast gleich aus. Doch wenn man genauer hinschaut, erkennt man das Männchen an seinem schwarzen Halsring.

   Zwei Kanadagänse durchpflügen mit ihren Schnäbeln den noch vom Hochwasser schlammigen Boden am Ufer auf der Suche nach geeigneten Sumpfpflanzen und Würmern. Im Pulk der Blässhühner attackieren Zank­hähne immer wieder Artgenossen mit schrillen Rufen. Dagegen machen die kleinen Krickenten einen friedlichen Eindruck. Es sind drei Paare, die sich in Ufernähe auf dem Wasser aufhalten. Der einzige Schmuck der unschein­baren Weibchen sind leuchtend grüne Spiegel an den Seiten. Die Männchen hingegen haben einen rotbraunen Kopf mit einem grünen, weißlich einge­fassten Band, das vom Auge bis zum Hinterkopf reicht und einen auffallend gelben Steißfleck.

   Besondere Freude bereitet uns das Knäkenten-Pärchen. Wir sind gespannt, ob es auch in diesem Jahr wieder am Tümpel brüten wird. Hochwasser und Eis haben allerdings das Schilf platt an den Boden gedrückt, und nur noch einzelne alte Fruchtstände ragen wie Staubwedel gen Himmel. In diesem Zustand bietet der Schilfgürtel bedauerlicherweise kaum Schutz vor Feinden.

   Im nahen Wäldchen haben Busch-Windröschen, Scharbockskraut und Lerchensporn
ihre Frühlingsherrschaft angetreten.


Begleitet werden sie
vom vielstimmigen Chor
der Amseln, Rotkehlchen,
Meisen, Zaunkönige und
Heckenbraunellen,
die auf ihre Weise
die Frühlingsbotschaft
verkünden.

 


 

Zilpzalp und Zitronenfalter (12)
April

 

Frühling! Ist das nicht gleichbedeutend mit Sehen, Hören und Riechen? Unsere Sinne sind es, die uns hinaus führen in die Welt der Natur, die die Welt der Töne, der Farben und der Vielgestaltigkeit ist.

   Die Schmetterlinge sind wieder da, die Magnolien blühen, als bekämen sie es bezahlt, der Zilpzalp schmettert sein Zwei-Ton-Lied in unendlicher Folge. Die Bahndämme haben ihr Brautkleid angelegt, weil die Schlehen es so wollen. Vom Feld ertönt der melodische Ruf der zurückgekehrten Kiebitze, der an Meer und Urlaub erinnert. Zwischen feuchtem Gras wächst das Wiesen-Schaumkraut heran, das seinen Namen durch ein kleines Insekt erhielt, die Schaumzikade. Sie saugt aus dem Stängel Saft und treibt ihn schaumig auf, dass es wie Spucke aussieht. Mancherorts nennt man es  auch Kuckucksspeichel.

   Zwischen dem welken Laub im Auwald hat sich das März-Veilchen zum Licht empor gearbeitet, das jetzt noch durch die kahlen Bäume verschwen­derisch den Waldboden erhellt. Zu den dunkelvioletten Blüten sollte man sich unbedingt einmal hinunter beugen, um in den Genuss ihres feinen Duftes zu kommen. Zu Recht heißt die kleine Pflanze auch Wohlriechendes Veilchen.

   Ganz unscheinbar am Wegrand im Auwald wächst das Milzkraut mit seinen grünlichen Blüten, die noch nicht einmal fünf Millimeter groß sind. Weil die Form seiner gekerbten Tragblätter eine Ähnlichkeit mit der Milz aufweist, war man früher von seiner arzneilichen Brauchbarkeit überzeugt, was heut­zutage stark bezweifelt wird.

   Monatelang, wenn etwas Gelbes durch die Luft schwebte, dann war das immer nur ein welkes Blatt. Jetzt jedoch ist das Gelb leuchtend geworden und gehört zu den ersten Schmetterlingen im Frühjahr, den Zitronenfaltern, die die Sonne aus ihrer Winterruhe geweckt hat. Beim Hochzeitsflug gibt das Weibchen, das an seinem schwächeren Gelb zu erkennen ist, den Ton an. Es fliegt voraus und in stets gleich bleibendem Abstand das Männchen hinter­her, dass es fast so aussieht, als würde es abgeschleppt.


Die langersehnte, schönste Zeit
des Jahres ist wieder da.
Jeden Tag offenbart die Natur
neue Schätze und lässt uns
unentgeltlich teilhaben an
ihrer unermesslichen Vielfalt.

 


 

Scharbockskraut und Bluthänflinge (13)
April

 

Dort, wo einst die Kleingärtner im Kniprather Wald das Land zum Blühen brachten, gähnt nun eine leere Fläche, wo Bagger dabei sind, die letzten Reste der Gartenanlage zu beseitigen. Wie zum Trotz, sind einige wenige Pflanzen ausgebüxt und haben sich durch den Zaun ins Niemandsland am Weg gerettet.

   Es sind die netten Traubenhyazinthen mit ihren kugeligen himmelblauen Blüten. Auch ein paar Blausterne überragen mit glockenförmigen Blüten das noch niedrige Gras. Beide Arten gehören zur edlen Familie der Lilienge­wächse.

   Übrig geblieben ist auch ein halb in den Zaun gewachsener einsamer Ranunkelstrauch mit intensiv gelben Blüten. Weder sein Name noch sein Aussehen lassen darauf schließen, dass er ein Rosengewächs ist.

   Einträchtig neben den Gartenflüchtlingen stehen die Wildpflanzen Efeu-Gundermann, Wiesen-Schaumkraut und Goldnessel.

   Die Blüten des Scharbockskrauts liegen wie leuchtend gelbe Sterne am Wegrand im Wald. Die auffallende Farbe der Blütenblätter soll Insekten zur Bestäubung anlocken. Als Belohnung hält das Scharbockskraut am Grunde eines jeden Blütenblattes in einer kleinen Grube Nektar bereit. Doch oft ist es so kalt, dass kaum Insekten unterwegs sind, weshalb eine Vermehrung über Samen nur selten erfolgt. Um doch noch seiner Aufgabe, für Nachwuchs zu sorgen, gerecht zu werden, entwickelt das Scharbockskraut oberirdische Brutknöllchen in den Blattachseln. Im Mai, wenn sich die Pflanze völlig in den Boden zurückzieht, liegen diese Brutknöllchen manchmal in Mengen am Boden. Da sie Gerstenkörnern ähneln, sagte man früher, es habe Getreide geregnet. Die Blätter der Pflanze sind fleischig und glänzend grün. Sie enthalten Vitamin C und wurden früher vor der Blüte geerntet, um bei der Mangelkrankheit Skorbut (Scharbock) angewendet zu werden.

   Ein vielstimmiges kurzes „tigg-tigg“ lässt den Blick nach oben schweifen. Ein Trupp kleiner Vögel fällt ins frisch gepflügte Feld am Kielsgraben ein. Es sind Bluthänflinge, die mit eifrigem Trippeln auf Nahrungssuche gehen. Wie auf Kommando fliegen alle plötzlich auf, um sich erneut an anderer Stelle niederzulassen. Für die Brutzeit haben sich die Männchen fein herausge­putzt. Scheitel und Brust sind intensiv rot.

 


 

Geselliger Spatz (14)
April

 

Einer, der mit uns den ganzen Winter hier verbracht hat, ist der Haussperling. Er ist so ein Allerweltsvogel, dass früher Kopfprämien auf ihn ausgesetzt waren, weil Riesenschwärme dem Bauern das Leben schwer machten. Mancher Junge besserte damals durch Spatzen­schießen mit der Schleuder sein spärliches Taschengeld auf. Doch heute ist der Spatz selten geworden, dass man sich schon richtig freut, ihn manchmal noch in kleineren Gruppen anzutreffen.

   So eine Stadt bietet nur noch ein kärgliches Nahrungsspektrum, dass man ihn gelegentlich sogar hastig von achtlos auf die Straße geworfenen Pommes-frites-Tellern naschen sieht. Doch das ist überhaupt nichts für so einen forschen Kerl wie den Spatz. Er braucht jede Menge Körner, die er viel lieber mag. Doch selbst die mittlerweile selten gewordenen Rossäpfel enthal­ten nicht mehr diese Leckerbissen. Auch auf dem Land sieht es traurig für ihn aus. Die abgeernteten Felder bleiben nicht mehr lange liegen. Sie werden schnell umgebrochen und all die noch auf dem Acker liegenden nahrhaften Getreidekörner verschwinden im Boden.

   Die Futtersuche ist für den Sperling zum Problem geworden, doch es gibt da noch ein zweites für ihn. Er findet kaum irgendwelche Stellen, wo er sein Nest bauen kann. Früher boten sich Ritzen in älteren Häusern und unter dem Dach an. Heutzutage ist jeder Hausbesitzer bestrebt, alle eventuellen Lücken nach außen zu schließen.

   Jahrhunderte lang galt der Spatz als Synonym für Überlebenskunst. So manches Mal zeigt er jetzt noch seine Raffinesse. So wussten sich einige Sperlinge auf Haus Bürgel zu helfen, indem sie einfach die Nester von Rauchschwalben okkupierten und sich dort häuslich einrichteten.

   Der Spatz, der ein geselliger Vogel ist, trägt oft lautstark seine Streitereien mit Artgenossen aus. Doch wenn er eine Futterquelle entdeckt, ruft er sofort seine Freunde herbei. Um möglichst viele Nachkommen zu zeugen, haben die Sperlinge die Strategie der Schachtelbruten entwickelt. Während das Männchen noch die flügge gewordenen Jungen füttert, brütet das Weibchen schon auf einem neuen Gelege.

   Hoffen wir, dass wir noch lange das Tschilpen dieser munteren Vögel hören können.

 


 

Der Aronstab (15)
April

 

Er ist ein Meister der Verführung und hält sich am liebsten im Auwald auf. Mit ganz ausgeklügelten Tricks arbeitet er: der Gefleckte Aronstab!

   Wenn im Frühjahr die Sonne durch die erst sparsam belaubten Bäume noch bis auf den Waldboden dringen kann, sieht man plötzlich hier und da Büschel dunkelgrüner Blätter, die pfeilförmig und meist braungefleckt sind. Zwischen ihnen erhebt sich schlank eine hellgrüne Spindel, die sich langsam entrollt und eine scheinbare Blüte freigibt. Doch es ist nur ein Hüllblatt, tütenförmig und grünlichweiß mit einem violettfarbenen Kolben in der Mitte. Dort, wo sich das Hüllblatt verengt, stehen am Kolben viele starre Haare, so dass sich gleichsam eine Reuse bildet. Und erst unterhalb dieser Haare, für den Betrachter verborgen, befindet sich die eigentliche Blüte. Es ist wahrlich ein Kunststück für Insekten, bis hierhin zur Bestäubung zu gelangen.

   Doch der Aronstab hat alles wohl im Griff. Sein auffallendes Hochblatt und der aasähnliche Geruch des Kolbens laden kleine Mücken zu einem Besuch ein. Da sie am glatten Hochblatt jedoch keinen Halt finden, rutschen sie unweigerlich an den Haaren vorbei in den unteren Teil der Pflanze und sind jetzt in einem Kessel gefangen, der aber recht komfortabel ist. Hier ist es einige Grade wärmer als draußen, und am Grund steht nektarhaltiges Wasser bereit. Doch nun heißt es Arbeiten. Die weiblichen Blüten warten schon ungeduldig auf Blütenstaub, der den Mücken anhaftet, wenn sie vorher andere Blüten besucht haben. Sobald der Staub an den klebrigen Narben hängen bleibt, bedankt sich die Pflanze mit Nektartröpfchen. Nun werden auch die Staubbeutel aktiv. Sie nebeln die kleinen Gefangenen förmlich ein. Die Arbeit ist jetzt getan und die Pflanze voll zufrieden. Die Wände des Kessels verlieren plötzlich ihre Glätte, die Sperrhaare schrum­pfen. Über und über mit Blütenstaub bedeckt, entlässt der Aronstab nun seine Gefangenen in die Freiheit.

   Und was machen diese damit? Sie fliegen unverzüglich zur nächsten Blüte, um erneut Abenteuer im Bauch einer Pflanze zu erleben. Wenige Monate später trägt der Aronstab dann seine scharlachroten Beeren, die Waldvögeln Nahrung bieten.

 


 

Kiebitz und Bärlauch (16)
April

 

Einer der auffallendsten Frühlingskünder ist der Kiebitz, der die Was­sernähe liebt, aber nicht unbedingt an ein Gewässer gebunden ist. Es macht Spaß, ihm bei seinen akrobatischen Balzflügen zuzuschauen, wenn das Männchen mit hellem Ruf einen Bogen nach unten macht, sich auf den Rücken wirft und den Sturz erst dicht über dem Boden wieder auffängt. Kiebitze sind an ihrer schwarzweißen Färbung und den abgerundeten Flügeln leicht zu erkennen. Jeder, der in die Nähe ihres Nistgebietes kommt, wird mit gellenden Rufen als Störenfried gebrandmarkt und sollte sich netterweise möglichst schnell wieder entfernen.

   Auch am Boden sind die etwa taubengroßen Kiebitze auffallend schöne Vögel mit keckem Federschopf, schwarzem Rücken, weißer Unterseite und metallisch grünblau glänzenden Flügeldecken.

   Das Weibchen legt in einer flachen Mulde auf einer trockenen Stelle in Äckern oder Wiesen olivgrüne, dunkelgefleckte Eier, die birnenförmig sind. Nach etwa vier Wochen schlüpfen die Jungen. Sie sind Nestflüchter und su­chen zusammen mit ihren Eltern nach Insekten, Raupen, Würmern, Schne­cken und Sämereien.

   Im Auwald ist derweil eine Rarität herangewachsen, die sich schon durch intensiven Knoblauchgeruch ankündigt. Es ist der Bärlauch, der im Gebiet an gewissen Stellen fast teppichbildend auftritt. Bis zu 25 weiße, sternförmige Blüten stehen in einer Scheindolde zusammen und sehen manchmal aus wie filigrane Kugeln.

   In früheren Zeiten sah man es nicht gern, wenn Kühe zuviel Bärlauch fraßen, weil die Milch dann einen unangenehmen Geruch und Geschmack annahm. Die ganze Pflanze enthält Vitamin C und ätherische Öle. Man nimmt an, dass die scharf riechenden und scharf schmeckenden Öle die Pflanze vor Tierfraß schützen sollen.

   Die Samen brauchen zwei Jahre, um keimen zu können. Sie sind soge­nannte Kaltkeimer und müssen mindestens eine Frostperiode durchlebt ha­ben. Doch was beim Bärlauch viel schneller funktioniert ist die Vermehrung durch Zwiebeln. Daher ist er auch in der Lage, schnell große Horste zu bilden.

 


 

Weißwurz und Schachtelhalm (17)
Mai

 

Fast hätte ich die interessante Pflanze im mittlerweile schon schattigen Wald übersehen, wenn nicht ein Lichtstrahl, gerade wie ein Fingerzeig, sie hell hervor gehoben hätte. Dabei kann die Vielblütige Weißwurz sogar bis siebzig Zentimeter Höhe erreichen. Doch durch ihre meist bogen­förmige Wuchsform wirkt sie sehr unauffällig. Unter ihren dunkelgrünen länglichen Laubblättern verbirgt sie weiße Glöckchen. Bei der stattlichsten der sechs zusammen stehenden Pflanzen zählte ich neunzehn in Vierer­grüppchen angeordnete Blüten.

   An der Böschung des Baggersees entdecke ich eine Menge sehr seltsamer rötlich-brauner Stiele, die oben in einer kegelförmigen Ähre enden. Kaum jemand würde Verbindungen zu dem allseits bekannten Acker-Schachtel­halm ziehen, der den ganzen Sommer über an vielen Stellen wie ein Minia­turtannenbaum zu finden ist. Tatsächlich aber hat der Acker-Schachtelhalm, der auch Zinnkraut genannt wird, zwei Leben. Erst kommen die fruchtbaren Triebe, die absterben, nachdem die Sporen vom Wind verweht wurden, dann erscheinen die uns wohlbekannten Triebe, die zwar reich an Blattgrün, aber steril sind.

   Wo sind denn unsere schönen Schmetterlinge? Die meisten lieben sonni­ges Wetter. Nur ein paar unermüdliche Kohlweißlinge sind unterwegs.

   Auch ein Frühlingsblüher auf Wiesen und in lichten Laubwäldern ist der Kriechende Günsel. Seine blauen Lippenblüten sind in dichten Scheinquirlen um den an zwei Seiten behaarten viereckigen Stiel gruppiert. Ein kleiner Trupp steht vor dem Zaun der aufgegebenen Kleingartenanlage im Knip­rather Wald und wirkt durch die Vielzahl seiner Blüten von oben bis unten blau. Die Pflanze besitzt medizinische Eigenschaften und kann unter ande­rem bei Blutungen und Durchfall angewendet werden.

   Zwei gar nicht geliebte Pflanzenarten sind wieder dabei, mit schnellem Wachstum aus dem Boden zu schießen, um von Feldrainen, Bachböschun­gen, Radwegrändern und wahllos anderen Plätzen Besitz zu ergreifen. Es sind Japan- und Sachalin-Staudenknöterich. Sie wurden Ende des 19. Jahr­hunderts als Zierpflanzen eingeführt und führen seit 1950 ein unerquick­liches Eigenleben. Ihr ungehemmtes Wachstum führte mancherorts schon zur Verdrängung heimischer Arten.

 


 

Aurorafalter und Kuckuck (18)
Mai

 

Nach recht kühlen Tagen, hat die Sonne wieder die Oberhand ge­wonnen. Dann ist es besonders schön draußen. Alles leuchtet, die Farben sind intensiver, die Vögel munterer und die Schmetterlinge flattern von Blüte zu Blüte.

   Der blaue Ehrenpreis ist wieder da, und an manchen Stellen ist er so üppig, dass es aussieht, als liege ein Stück vom Himmel auf der Wiese.

   An feuchten Stellen hat der Hahnenfuß die Weiden in ein gelbes Meer verwandelt. Der Löwenzahn ist teilweise schon verblüht und zeigt seine kugelrunden Fruchtstände, deren Samen die Kinder gerne durch Pusten in alle Winde verstreuen.

   Welch schönes Bild! Auf der Wiese vor Haus Bürgel stehen zwei Fohlen mit ihren Müttern. Eins ist zierlich und das andere sieht wunderbar robust aus. Es heißt Toska und ist das Fohlen der Kaltblüter Ella und Torsten.

   Ganz in der Nähe ruft ein Kuckuck. Nicht oft hat man Gelegenheit, ihn zu sehen. Doch heute fliegt er gut erkennbar an uns vorbei. Sicherlich ist das Weibchen gerade auf Suche nach einem geeigneten Wirtsnest, in das es seine Eier mogeln kann. Der Kuckuck ist mit seinem Verhalten eine der schil­lerndsten Figuren in der Vogelwelt.

   Am Tümpel in Baumberg blüht in auffallendem Gelb in buschähnlichen Gruppen die Sumpf-Wolfsmilch. Sie ist sehr selten, doch dort und in der Nähe des Baumberger Grabens wächst sie in größeren Beständen. Sie liebt Sümpfe und verträgt sogar zeitweilig Staunässe. Wie alle Wolfsmilcharten ist sie stark giftig. Das Gift ist in dem weißen Milchsaft enthalten, der bei Ver­letzungen aus allen Teilen der Pflanze quillt.

   Kein Frühling ohne Aurorafalter! Uns begegnen zwei Männchen, die selbst im Flug gut zu erkennen sind, weil ihre Vorderflügel auf der Oberseite zum Teil leuchtend orangefarben sind. Früher war der Aurorafalter häufiger, doch heute zählt er zu den selteneren Arten. Schon viele heimische Schmetter­linge habe ich fotografieren können, doch noch nie einen Aurorafalter. Er scheint es immer sehr eilig zu haben und stellte sich mir noch nie auf einer Kreuzblüte zum Fototermin. Leider. Jedes Jahr hoffe ich erneut, es doch irgendwann einmal zu schaffen.

 


 

Pirol und Schwalbenschwanz (19)
Mai

 

"Düdlüoh“ flötet es laut im Auwald. Wir horchen auf und freuen uns, dass nun auch der Pirol aus dem tropischen Afrika wieder zurückge­gekehrt ist. Er ist zwar ein auffälliger, amselgroßer, goldgelber Vogel mit schwarzen Flügeln und schwarzem Schwanz, doch zu sehen bekommt man ihn nur selten. Er lebt in den Wipfeln dicht belaubter Bäume, wo er ein Korbnest baut, das manchmal Ähnlichkeit mit einer kleinen Hängematte hat.

   Zu allen Zeiten hat der Pirol Aufmerksamkeit erregt und wurde durch seine einprägsamen Lautäußerungen mit vielen Namen belegt. Der wohl bekann­teste ist „Vogel Bülow“. Deshalb ziert der Pirol auch das Wappen Derer von Bülow. Ihr namhaftester Vertreter ist Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, wie der Pirol im Französischen genannt wird.

   Zurück in die unteren Regionen des Waldes. Dort ist das Wald-Brettspiel zu Hause.
Das ist ein recht unscheinbarer braun und weiß gezeichneter Schmetterling. Umso farbenprächtiger präsentieren sich im Sonnenlicht Tagpfauenauge, Distelfalter und Admirale.

   Wiesen-Bärenklau und Wiesen-Kerbel warten mit einer Vielzahl kleiner weißer Blüten auf, die in Dolden zusammen stehen und manche Wiesen wie mit einem duftigen Schleier überziehen.

   Am neuen Deich blühen blauer Salbei, blassgelbe Reseda und blaulila Acker-Skabiose, die auch Witwenblume genannt wird. Einer der vielen Deutungen zu Folge sind die Blumen der Skabiose aus den Tränen ent­standen, die eine Witwe am Grabe ihres Gatten vergoss. An trockenen Stellen, wie Wegrändern, ist die Zypressen-Wolfsmilch anzutreffen, deren vielstrahlige Trugdolde gelbgrün ist und deren zahlreiche Laubblätter spitz und schmal, fast nadelförmig, sind.

   Eine Begegnung der besonderen Art bescherte uns der Schwalben­schwanz, den wir am Südufer des Monbag-Sees sahen. Er ist ein äußerst prächtiger Schmetterling und kommt in landwirtschaftlich intensiv genutzten Gegenden wenig vor. Dass er in den letzten Jahren auch bei uns öfter beob­achtet werden konnte, ist ein gutes Zeichen. Wenig später entdeckten wir noch einen zweiten an einer Kiesabgrabung, wo ich nach langem Gedulds­spiel das Glück hatte, ihn fotografieren zu können.

 


 

Gespinstmotte und Zaunkönig (20)
Mai

 

Gar nicht geheuer ist es einigen Leuten in Langenfeld und Monheim bei der Beobachtung eines erstaunlichen Vorgangs in der Natur. Da gibt es Bäume und Sträucher, deren Stämme, Zweige und Blätter plötz­lich mit einem weißen Gespinst überzogen und nach kurzer Zeit völlig kahl gefressen sind. Hier handelt es sich nicht um irgendein besorgniserregendes Phänomen, sondern um die Arbeitsweise vieler sehr fleißiger Tiere. Es sind die Raupen der Gespinstmotte. Nachdem sie aus dem Ei geschlüpft sind, schaffen sie sich mit vielen hundert Artgenossen erst einmal einen schützen­den durchsichtigen Schleier, unter dem sie nichts anderes im Sinn haben als unentwegt zu fressen. Innerhalb kürzester Zeit sind Baum und Strauch ratzekahl. Doch der Anblick ist nur zeitweilig trostlos für uns, denn eine dauerhafte Schädigung erfolgt nicht. Die Raupen verpuppen sich gemeinsam am Fuß des Baumes, während das Seidengespinst nach und nach zerfällt. Im Juni fliegen dann die mit zwei Zentimetern Spannweite recht kleinen Falter, die schneeweiße Vorderflügel mit schwarzen Punkten haben. Schon im glei­chen Sommer erholen sich die Bäume von dem Überfall und treiben noch einmal vollständig aus. In Obstplantagen allerdings richten ähnliche Arten Schaden an.

   Die Luft ist erfüllt von vielerlei Geräuschen. Der Buntspecht hämmert an hohlen Bäumen, dass es weithin schallt, der Buchfink meldet sich mit kräf­tiger Stimme, Amseln flöten lieblich und der Zilpzalp ruft seinen zweisilbigen Namen in unendlicher Folge. Das Rotkehlchen singt ein etwas schwermüti­ges Lied und der Zaunkönig schmettert fröhlich seine kleine Strophe, die oft mit einem bezaubernden Triller endet. Ich entdecke durch Zufall sein perfekt getarntes Nest, das heißt eins seiner Nester, denn die Männchen leben poly­gam. Sie bauen gleich mehrere Nester. Während das Weibchen eins innen schön auspolstert, bietet Herr Zaunkönig seine sonstigen Nester anderen noch nicht gebundenen Weibchen an und hilft dann lediglich die jeweils jüngste Brut zu versorgen.

   Der Schwan hat es auf Grund seiner imponierenden Größe nicht nötig, sein Nest zu tarnen. Er brütet gut sichtbar am Tümpel in Baumberg. Auch das Schwimmnest der Blesshühner im Flachwasser ist gut zu beobachten. Und die Stockenten haben sogar schon Nachwuchs, den sie rührend umsorgen.

 


 

Brachen und Holunder (21)
Mai

 

Brachen sind Flächen, die von vielen nicht gemocht werden, weil sie unordentlich erscheinen. Doch sie bieten für Pflanzen und Tiere interessante Lebensräume. Wo sich eine Vielzahl von Wildpflanzen angesiedelt hat, gibt es Samen und Insekten, die wiederum Nahrungsgrund­lage für Vögel sind. Auf einem Erdhügel am Kielsgraben wachsen in bunter Vielfalt Acker-Stiefmütterchen, Stängelumfassende und Rote Taubnessel, zwei Arten Reseda, Strahllose und Echte Kamille, Schierlings-Reiherschnabel, Vergissmeinnicht, Hirtentäschel, weißer Klee, Klatsch-Mohn, Disteln, Wege­rauke und Weiße Lichtnelke. Letztere ist im Gegensatz zu den anderen Pflan­zen zweihäusig, das heißt, es gibt männliche oder weibliche Exemplare. Die einen haben nur Staubblätter, die anderen nur Narben. Bei den weiblichen Blüten bildet sich hinter den schützenden Kelchblättern ein Fruchtknoten.

Ein Stück weiter finde ich einen Pilz, der im ersten Moment wie ein halb offenes verrottetes Ei aussieht. Es ist ein ausgereifter Bovist. Wenn man ihn mit dem Fuß leicht berührt, dann staubt es mächtig. Doch es ist kein Staub, den er freigibt, sondern eine Unmenge von Sporen, die der Wind in alle Richtungen trägt.

Ein Trupp Stare landet auf einem Feldweg. Offensichtlich machen sie gerade einen Familienausflug. Neben einigen Alttieren, die in der Sonne metallisch purpurnfarben, grün und blau schimmern, beobachten wir viele Jungvögel, die noch einfarbig graubraun sind. Die Nahrung im Boden holen sie sich mit einem Trick. Sie stechen mit dem Schnabel in die Erde und spreizen ihn dann. So erweitern sie das Loch und können nun Larven oder Regenwürmer leichter herausziehen.

An etwas schattigen Stellen, wächst das gelbblühende Schöllkraut. Aus Stängeln und Blättern tritt beim Abknicken ein auffallend orangegelber Milchsaft hervor, der auch heute noch gegen Warzen angewendet wird.

Der ganz alltägliche Holunder zeigt sich im Moment von seiner hübsche­sten Seite. Er ist über und über mit weißen Blütendolden besät. Ein originel­les „Gebäck“ zum Nachmittagskaffe sind Holunderblütenküchlein. Dazu pflückt man die Dolden, säubert sie, taucht sie am Stiel haltend in einen Pfannekuchenteig und backt sie in heißem Fett goldbraun. Wer mag, kann sie noch mit Puderzucker bestäuben. Guten Appetit!

 


 

Eisvogel und Feuerkäfer (22)
Juni

 

Sein Rücken ist ein leuchtender Traum. Fast traut man seinen Augen nicht. So blau kann doch kein Vogel sein! Und doch, der Eisvogel ist so unglaublich blau. Wir beobachten ihn am Baumberger Tümpel beim Jagen. Er kommt aus einem Gebüsch nahe am Wasser und bleibt mit rasant schnellem Flügelschlag sekundenlang förmlich in der Luft stehen, ehe er ins Wasser schießt. Alles geht sehr schnell, doch wir sehen, dass er einen gar nicht so kleinen silbrigen Fisch im Schnabel trägt. Einen Moment setzt er sich auf einen Ast. Jetzt muss er erst den Fisch durch Schlagen auf einen harten Gegenstand töten. Dann sehen wir ihn schnurstracks Richtung Alt­rhein fliegen, wo gewiss schon hungrige Schnäbel auf Futter warten.

   Auch ganz intensiv gefärbt, doch in einer anderen Farbe, ist der an Laub­waldlichtungen lebende Scharlachrote Feuerkäfer, der auch Kardinalkäfer genannt wird. Während die Larven Insekten fressen und nicht davor zurück­schrecken, bei Nahrungsmangel zum Kannibalismus überzugehen, leben die Käfer friedlich von Nektar und Blütenpollen.

   Auf trockenen Wiesen ist der Dolden-Milchstern mit seinen edlen weißen Blüten zwischen hohem Gras zu sehen, an feuchten Stellen ist es die rosa­rote Kuckucks-Lichtnelke. Ihre fünf Blütenblätter sind in schmale Zipfel ge­spalten, wodurch sie sehr feingliedrig wirken. Ihren Tier-Zusatz zum Art­namen erhielt sie durch den „Kuckucksspeichel“, den die Larven der Schaumzikade häufig an die Stängel heften.

   Auf dem Waldweg hinter Haus Bürgel sind wieder die Porlinge herange­wachsen. Das sind Pilze, die von Mai bis September an lebenden oder abgestorbenen Laubbäumen meist in größeren Gruppen wachsen. Sie werden so gewaltig, dass sich mein normal großes Pflanzenbuch auf ihnen klein ausnimmt.

   Sonnenschein. Das ist etwas, was nicht nur wir Menschen mögen, ihn mögen auch die meisten Schmetterlinge. Orange und schwarz mit schönen blauen Flecken am Saum der Oberseiten von Vorder- und Hinterflügel, das sind die Farben des Kleinen Fuchses. Er fliegt im Moment sehr häufig und kreuzt an vielen Stellen unseren Weg.

 


 

Roter Fingerhut und Baumfalke (23)
Juni

 

Da liegt doch auf dem Boden ein fahlgelbes Gewirr von Bindfäden. Wer mag wohl mitten in die Natur so etwas geworfen haben? Natür­lich ist alles ganz anders. Was da heranwächst, ist eine Schma­rotzer-Pflanze, die unter dem Namen Europäische Seide oder Nesselseide bekannt ist. Sie kriecht so lange am Boden herum, bis sie einen wohlgenähr­ten Wirt findet, an dem sie sich dann empor windet. Hier am Baumberger Graben hat sie eine Hopfenpflanze in Besitz genommen, doch am liebsten schmarotzt sie auf Brennnesseln.

   Sehr stattlich, purpurrot und mit schöner Zeichnung im Inneren der Blü­tenkrone ist hingegen der Rote Fingerhut, der an der Böschung des Wasser­ski-Sees wächst. Früher wurde er auch Schlangenblume genannt. Man ver­mutet, dass man Kinder dadurch abschrecken wollte, diese giftige Pflanze zu berühren.

   Gerade erfreut sich der Blick an einer schönen Blumenwiese, als der Luftraum darüber plötzlich von mehr als hundert Mauerseglern durchkreuzt wird, ein Zeichen dafür, dass sich dort Unmengen von Insekten aufhalten. Und ein Vogel taucht zwischen ihnen auf, den die flinken Segler überhaupt nicht mögen. Der Baumfalke ist ihr erklärter Feind, weil er ein noch schnel­lerer Flieger ist und Jagd auf Mauersegler und Schwalben macht. Doch ge­meinsames Handeln macht stark. Dutzende Mauersegler rotten sich zusam­men und fliegen Scheinangriffe auf ihn. Mit so vielen will selbst er sich nicht anlegen und räumt schließlich das Feld.

   Brennnesseln sind nicht jedermanns Sache. Doch die Raupen vom Tag­pfauenauge sind begeistert von ihnen. Im Moment sieht man die schwarzen Tierchen mit den leuchtend weißen Punkten und den rötlichgrauen Bauch­füßen an vielen Brennnesselbeständen. Ihre langen Stacheln schützen sie vor manchem gefräßigen Vogel.

   An den Wegrändern im Kniprather Wald blüht zur Zeit sehr häufig das Springkraut Impatiens noli-tangere mit seinen zitronengelben Blüten und einer nach unten gekrümmten Spornspitze. Kinder lieben das Kräutchen Rühr-mich-nicht-an, weil die Samen nach der Reife bei der geringsten Berührung meterweit wegspringen. Daneben blüht – weniger auffallend - auch das Kleinblütige Springkraut.

 


 

Johanniskraut und Plattbauchlibellen (24)
Juni

 

Zur Zeit blüht überall das Echte Johanniskraut, das besonders magere Böden liebt. Es hat fünf gelbe Blütenblätter mit schwarzen Punkten am Rand. Zerdrückt man sie, geben sie einen roten Farbstoff ab. Die schwarzen Punkte an Blüten- und Laubblättern enthalten ein aromatisch rie­chendes Harz. An Johannis - zur Sommersonnenwende - schmückten sich früher junge Leute mit dieser auch Tüpfelhartheu genannten Pflanze, um vor Behexung und Blitzschlag geschützt zu sein. In der Heilkunde findet Johan­niskraut auch heutzutage noch vielfältige Anwendung.

   An Weg- und Waldrändern ist die Knotige Braunwurz häufig zu finden. Sie kann zwar über einen Meter hoch werden, doch ihre kleinen rotbraunen Rachenblüten finden kaum Beachtung. Manchmal allerdings hat die Pflanze gefräßigen Besuch. Und dann fängt sie an, interessanter zu werden. Eine weiße Raupe mit auffallender gelber und schwarzer Zeichnung futtert mit Vorliebe ihre Blätter. Im Auwald auf dem Weg zum Ausleger finden wir auf vier Braunwurz-Pflanzen vierzehn dieser Raupen in verschiedenen Größen. Nach Verpuppung im Boden und Metamorphose wird aus der tollen Raupe dann ein recht unscheinbarer Nachtfalter, der Braunwurzmönch heißt.

   Eine sehr seltene Pflanze wächst in der Nähe des Kielsgrabens. Es ist die Karthäuser Nelke, die eine Vielzahl blutroter Blüten hat. Wenn die Straße dort einmal fertig gestellt ist, wird leider auch ihr Standort, an dem sie ziemlich unbemerkt seit vielen Jahren blüht, in absehbarer Zeit verschwun­den sein.

   Fast auf jedem Gewässer sind jetzt junge Blesshühner zu sehen. Während die Alttiere schwarzes Gefieder, einen weißen Schnabel und eine weiße Stirn­platte haben, sehen die Dunenjungen wie von anderen Eltern aus. Sie haben einen rotgelben Schnabel und einen leuchtend roten Kopf, an dem vereinzelt schwarze Federn wie kleine Antennen nach oben ragen.

   Gewässer und Tümpel sind auch der Lebensraum der Plattbauch-Libelle. Sie ist gut zu erkennen an ihrem breiten, abgeflachten Hinterleib. Beim Männchen ist er blau bereift, beim Weibchen braun mit gelben Seitenflecken. Was sie jedoch gar nicht mag, sind Gewässer, die zu dicht bewachsen sind.

 


 

Rosenkäfer und Hexenkraut (25)
Juni

 

Viele interessante Blüten in der freien Natur sind klein und fallen nur dem geübten Beobachter auf, doch wenn plötzlich eine Pflanze mit größeren blauen Blüten zu sehen ist, dann ist der Gedanke an einen Gartenflüchtling nicht fern. Und so ist es dann auch. Auf einem angeschütte­ten Erdhügel in einem Baugebiet wächst zwischen vielerlei Wildpflanzen der attraktive Rittersporn, der zu den Hahnenfußgewächsen gehört. Seine ur­sprüngliche Heimat ist das Mittelmeergebiet, doch bei uns schmückt er als Zierpflanze die Gärten und ist auch schon mal verwildert im ortsnahen Öd­land zu finden.

   Ein schönes Erlebnis hatten wir in der Urdenbacher Kämpe. Auf Arznei-Baldrian, der zurzeit an vielen Stellen blüht und durch seine Größe und einen strengen Geruch auffällt, entdecke ich einen Rosenkäfer. Er ist ungefähr zwei Zentimeter groß und recht breit. Seine Flügeldecken schillern leuchtend goldgrün. Vorsichtig nähere ich mich ihm, um ihn zu fotografieren. Nach wenigen Minuten fängt er plötzlich an, gewaltig zu brummen und dann hebt er ab. So schnell kann ich gar nicht erkennen, wie er seine Flügel unter dem Panzer hervor geholt hat. In der Literatur lese ich dann, dass er sogar mit geschlossenen Flügeldecken fliegt und seine Hinterflügel durch Seiten­schlitze unter den Flügeldecken hervorschiebt.

   Ganz anders fliegt da unser allbekannter Marienkäfer. Er klappt seinen Chitinpanzer nach oben, um die darunter liegenden Flügel benutzen zu können.

   Schnecken im Garten sind keine gern gesehenen Gäste. In der freien Natur gehören sie einfach dazu. Besonders schön ist die gar nicht seltene Bern­steinschnecke. Die Farbe des Gehäuses erinnert tatsächlich an diesen Schmuckstein. Sie lebt auf Schilf und Stauden an Gewässerrändern.

   Im Auwald blüht eine wenig auffallende Pflanze, die den geheimnisvollen Namen Hexenkraut trägt. Sie hat kleine rote Knospen, die dann in verlänger­ten Trauben weiß aufblühen. Wie dieses unscheinbare Kräutlein zu seinem Namen kam, das ist selbst Wissenschaftlern ein Rätsel.

 


 

Prachtlibellen und C-Falter (26)
Juli

 

Wo Wasser ist, ist Leben. Jeder Gartenfreund, der einen Teich hat, kann dies bestätigen. Wie viel Spaß macht es, Fröschen zuzuhören oder blaue, rote und gelbe Libellen zu beobachten, wenn sie pfeilschnell übers Wasser sausen und Insekten fangen oder durch Eintauchen des Hinterleibs Eier an Wasserpflanzen heften.

   Wenn man dann noch zufällig eine der nicht so häufigen Gebänderten Prachtlibellen am Baumberger Graben zu Gesicht bekommt, ist die Freude groß. Beim ersten Sehen glaubt man, zwei dunkle Schmetterlinge tanzen um einander. Und erst wenn sie sich auf ein Blatt gesetzt haben, erkennt man seinen Irrtum. Die durchsichtigen Flügel dieser grün- oder blauschillernden Libelle haben im hinteren Bereich große dunkle Flecken, die beim Fliegen zuerst auffallen.

   In einer tümpelartigen Ausbuchtung des Baumberger Grabens beaufsich­tigt ein Schwanenpaar sieben prächtige Junge, die manchmal gehorsam in Reih und Glied hinter einem Elternteil herschwimmen. Im Wasser treiben eine Menge weißer Federn. Nach der Brut kommen die Alttiere in die Mau­ser. Jetzt wird sichtbar, wie riesig manche ihrer Federn sind. Früher wurden sie bevorzugt als Schreibfedern benutzt.

   Am Ufer in einem Brennnessel-Bestand sitzen drei C-Falter, die von wei­tem wie wundervolle rotbraune Blüten aussehen. Sie ähneln ein wenig dem Kleinen Fuchs, doch ihre Flügelränder sind sehr tief eingebuchtet. Ihren Namen erhielten sie durch einen weißen Fleck auf der braunen Unterseite der Flügel, der wie ein „C“ aussieht.

   Dort, wo der Baumberger Graben in den Altrhein fließt, entdecken wir einen kleinen Schwarm silbriger Fische mit mattroten Flossen. Während manche zügig vorbei schwimmen, halten sich andere besonders gern in den seichten Randgebieten auf.

   Es ist immer wieder begeisternd, welche Vielfalt an Pflanzen und Tieren jeder Gang in die Natur offenbart.

 


 

Mädesüß und Pfannenstielchen (27)
Juli

 

Auf nassen Wiesen und an Gräben wächst eine hohe weithin sichtbare Pflanze, die eine Vielzahl purpurroter Blüten in einem ährenförmigen Blütenstand vereint. Es ist der Blut-Weiderich, der seit Jahrhunder­ten als Heilpflanze bekannt ist. Der deutsche Artname nimmt Bezug auf seine blutstillenden Eigenschaften und auf die weidenähnlichen Blätter.

   Auch ein Freund unserer feuchten Wiesen ist das Echte Mädesüß, man­chem besser bekannt als Spierstaude oder Wiesengeißbart. Es gehört zu den Rosengewächsen und bildet Mengen von gelblichweißen Blüten aus, die unregelmäßig gehäuft an der bis zu anderthalb Meter hohen Pflanze sitzen. Blüten und Sprosse verwendete man früher als aromatisierenden Zusatz zu Bier, Wein und Met. Heutzutage findet es bei vielerlei Krankheiten Anwen­dung, unter anderem bei Rheumatismus und Gicht.

   Einer, der sich in den letzten Jahren rar gemacht hat, ist der scheue Kernbeißer. Er bewohnt Auen- und Laubmischwälder, ist aber auch in Parks und größeren Gärten anzutreffen. Im ersten Moment ähnelt er dem Buch­fink, doch sein Schnabel ist viel breiter und überaus kräftig. Mit ihm kann er selbst die härtesten Kirsch- und Pflaumenkerne knacken. Das Fruchtfleisch interessiert ihn überhaupt nicht, nur das Innere der Kerne. Wir beobachteten ihn in der Urdenbacher Kämpe bei einer ganz anderen Tätigkeit. Er flog mehrmals aus einer Pappel in ein Weizenfeld, wo er sich Getreidekörner holte. An seine Jungen allerdings verfüttert er überwiegend Insekten.

   Auf dem Weg am Wasserski-See huscht plötzlich vor uns eine Eidechse unter den Zaun auf das Gelände der benachbarten Deponie. Sie war so flink, dass eine genaue Bestimmung nicht möglich war. Doch sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine Zauneidechse. In den Büschen am See geht es mun­ter zu. Dort machen an die zwanzig „Pfannenstielchen“ Station. So werden scherzhaft die hübschen und geselligen Schwanzmeisen genannt. Ihr Schwanz ist acht Zentimeter lang und von vorne bis hinten gleich breit wie der Stiel einer Pfanne. Vor Jahren haben wir einmal ihr kunstvolles, beutel­förmiges Nest mit dem seitlich engen Einschlupfloch bewundern können. Innen soll es mit Moos, Insektengespinsten und Tierhaaren ausgepolstert sein, doch außen war es vollendet getarnt mit Flechten und kleinen Rinden­stücken.

 


 

Wasserfrösche und Halsbandsittiche (28)
Juli

 

Ach die Disteln! So stöhnt mancher Gärtner und rückt ihnen mit der Hacke zu Leibe. In der freien Natur jedoch können sie sich nach Herzenslust entwickeln und werden dafür besonders von Faltern geliebt. Am Baumberger Naturschutzgebiet konnten wir auf einem dicht mit blühenden Kratzdisteln bewachsenen Stück wohl an die zweihundert Schmetterlinge beobachten, die Nektar suchend von Blüte zu Blüte flatter­ten. Hauptsächlich waren es Distelfalter, die zurzeit besonders häufig zu sehen sind, aber auch die farbenprächtigen Admirale, Pfauenaugen, Kleinen Füchse und C-Falter.

   Sehr interessante Beobachtungen machten wir an einem Tümpel, der ziemlich stark mit dem weißblühenden Gemeinen Froschbiss zugewachsen war. Auf seinen herzförmigen Schwimm-Blättern saßen viele Bienen, die Feuchtigkeit aufnahmen. Dazwischen, gut getarnt und fast nicht zu erken­nen, lagen grüne Wasserfrösche auf der Lauer, um Insekten zu fangen. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, taucht im Wasser eine Ringelnatter auf. Sie ist gut zu erkennen an den markanten hellen Halsflecken. Diese Reptilien sind nicht giftig und können schon mal eine Länge von zwei Metern erreichen, doch unsere Ringelnatter ist noch jung und etwa dreißig Zentimeter lang.

   An anderer Stelle ist ein Pärchen der zierlichen Azurjungfern zu sehen. Das Libellen-Männchen steht fast senkrecht auf einem Blatt und hat seinen Hinterleib mit einem Zangengriff am Weibchen verankert, während das Weibchen seine Eier unter verschiedenen Froschbiss-Blättern ablegt.

   Um den Schützenplatz in Monheim herum sieht man häufig Vögel in kleinen Trupps laut kreischend fliegen. Es sind die exotischen Halsband­sittiche, die seit einigen Jahren unsere Winter gut überstehen und dauer­hafte Bestände gebildet haben. Im Flug sind sie an ihrem langen spitzen Schwanz zu erkennen. Ansonsten haben sie hellgrünes Gefieder und einen Papageienschnabel, dessen Oberseite hagebuttenrot ist. Sie sind in der Aus­breitung begriffen, vor kurzem sahen wir auch einige auf einem Spaziergang in Baumberg.

 


 

Wegwarte und Schmuckschildkröte (29)
August

 

Ränder von Landstraßen sind häufig Refugien für vielerlei Wildblumen. Doch leider werden sie immer gerade dann abgemäht, wenn sie am farbenfrohsten blühen. Einer der schönsten Straßenbegleiter ist die Wegwarte, die durch ihre leuchtend hellblauen Blüten regelrecht ins Auge sticht. Manchem ist sie besser bekannt als Zichorie. Aus ihren gerösteten Wurzeln kann man Kaffee-Ersatz herstellen. Schon Friedrich der Große för­derte die Verwertung der Pflanze, daher sprach man bei diesem Getränk auch vom „Preußischen Kaffee“.

   In der Natur gibt es immer wieder große Überraschungen. So verblüfften mich im Herbst 1998 Pflanzen mit kleinen orangefarbenen, trompetenförmi­gen Blüten mit einem hakig nach vorne gekrümmten Sporn. Dieser Fund erregte in einschlägigen Kreisen großes Interesse. Somit konnte ich nach drei hier bekannten Springkraut-Arten noch eine vierte nachweisen, die auf lateinisch „Impatiens capensis“ heißt. Sie stammt aus Nord-Amerika. Bis heute ist es Botanikern ein Rätsel, wie sie in die Urdenbacher Kämpe ge­langte. Dieser Neophyt hat sich seit seinem Erscheinen massenhaft ausge­breitet. Auf dem Dammweg von Baumberg nach Urdenbach kann er an vielen Stellen rechts und links bewundert werden. Allerdings muss man schon genau hinschauen, um ihn in dem Gewirr der übrigen Pflanzen zu finden.

   Das heiße Sommerwetter macht nicht nur den Feldfrüchten, sondern auch den Tieren in Tümpeln zu schaffen. Die Verdunstung ist so groß, dass manche Flachgewässer zu Pfützen schrumpfen. Eins von vielen betroffenen Gewässern ist der Tümpel im Baumberger Naturschutzgebiet. Wer fliegen kann, ist gut dran und kann notfalls abwandern. Hier entdeckten wir zu unserem Schrecken eine schon recht große Rotwangen-Schmuckschildkröte, die irgendein „Tierfreund“ dort ausgesetzt hat. Diese Neozoen werden nicht gern in kleinen Gewässern gesehen, weil sie alles fressen, was ihnen vors Maul kommt. Und das sind nicht nur Würmer und Schnecken, sondern auch Frösche, Lurche, Larven und Laich.

   Dieser räuberische Einwanderer aus Nordamerika stellt die einheimische Fauna vor Probleme.

 


 

Landkärtchen und Fledermäuse (30)
August

 

Seit Wochen haben uns die Hundstage fest im Griff. So bezeichnete man im alten Ägypten die heißeste Zeit des Jahres zwischen dem 23. Juli und dem 23. August. Namensgeber war das Sternbild des Großen Hundes.

   Bei diesen Temperaturen leben Schmetterlinge und sonnenhungrige Men­schen erst richtig auf. Andere hingegen fühlen sich matt und überfordert. Viele Tiere leiden unter Durst und sind froh über jedes kleine Gewässer oder die Tränke in Gärten und auf Balkonen. Für einige Vögel bietet natürlich der Rhein das nie versiegende Nass, obwohl auch er sich auf einem Tiefstand befindet.

   Gerade in dieser Zeit fliegt die zweite Generation eines interessanten Schmetterlings, der „Landkärtchen“ heißt. Und nicht zu Unrecht. Die Unter­seiten seiner Flügel sind so wild gemustert, dass sie einer Wegekarte ähneln. Diese Art hält eine Überraschung bereit. Die erste Generation, die im Mai und Juni fliegt, hat Flügeloberseiten, die orange und schwarz sind, dagegen sieht die zweite Generation wie nach einem anderen Schmetterling aus. Sie hat dunkelbraune Flügeloberseiten mit weißer und orangefarbener Zeich­nung.

   Eine unerwartete Bewegung im Gras lenkt den Blick sofort dort hin. Bei näherem Hinsehen entdecke ich eine hervorragend getarnte Heuschrecke. Es ist das Grüne Heupferd, das sich farblich kaum von seinem Umfeld abhebt. Mit einer Größe von bis zu vier Zentimetern ist es eine unserer größten Heu­schrecken, die sehr anpassungsfähig ist und gern auf Kulturflächen, wie in Gärten, Feldern oder an Wegrändern lebt.

   Wenn der heiße Tag in einen nicht minder warmen Abend übergeht und der Himmel noch nicht ganz dunkel ist, dann sieht man, wenn man Glück hat, dunkle vogelähnliche Flieger um Häuser und Bäume flitzen. Es sind hauptsächlich Zwerg- und Wasser-Fledermäuse, die mehr oder weniger an den menschlichen Siedlungsraum gebunden sind. Sie haben den ganzen Tag in irgendeiner Mauerritze verschlafen und werden bei Einsetzen der Dämme­rung munter. Wenn wir Menschen schon längst in Morpheus Armen liegen, inspizieren sie in dunkler Nacht immer noch mit ihrem phantastischen Echolot den Luftraum und jagen erfolgreich nach Nachtfaltern und Käfern.

 


 

Mauersegler und Seifenkraut (31)
August

 

Ein Sommer so trocken und heiß wie dieser lässt schon vorzeitig eine Ahnung von Herbst aufkommen. An vielen Stellen ist das Gras ver­dorrt, von manchen Bäumen flattern welke Blätter in Serie zur Erde und die Beeren einiger Holunderbüsche hängen vertrocknet an den kahlen Ästen. Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel und lässt die Natur nach dem unverzichtbaren Lebenselixier Wasser lechzen. Den Brombeeren jedoch scheint das Wetter nicht viel auszumachen. Sie strotzen vor dicken Früchten und gewährleisten, dass die Beerensammler sich im Winter an viel Marme­lade und Saft gütlich tun können.

   Die Mauersegler sind schon seit Tagen abgereist, um in Afrika den Winter zu verbringen. Doch Mehl- und Rauchschwalben bleiben noch eine Weile bei uns, ehe auch sie ihren Zug nach Süden antreten.

   Die Trockenheit am Rhein hat einige Sandbänke aus dem Wasser ragen lassen, auf denen sich hunderte von Vögeln niedergelassen haben. Haupt­sächlich sind es Krähen und Möwen, doch auch die stattliche Anzahl von sechzig Kanadagänsen ist darunter. Später sehen wir etwa dreißig von ihnen laut rufend in schöner V-Formation übers Shellgelände fliegen.

   Am Rheinufer ist die Farbenpracht von Seifenkraut, Wasserdost, Kron­wicke, Pastinak und vielen anderen Blumen dahin. Doch der giftige Stech­apfel mit seinen bis zu zehn Zentimeter langen trichterförmigen weißen Blüten ist noch voll in seinem Element. Er trägt Blüten und Früchte, die wie stachelige Kapseln aussehen, an derselben Pflanze. Auch Spitzklette und Kleines Flohkraut, das tatsächlich früher gegen Flöhe angewandt wurde, ist noch zu finden.

   Ein Tier haben wir in diesem Jahr noch nicht zu Gesicht bekommen, auf das wir allerdings auch bestens verzichten können: die Gemeine (im doppelten Wortsinn) Stechmücke. Ihr bekommt das trockene Wetter nicht. Sie braucht nämlich zu ihrer Entwicklung warmes, stehendes Wasser. Wir können zwar vor Wärme nachts schlecht schlafen, doch wenigstens müssen wir bis jetzt nicht auch noch auf Jagd nach diesen ekligen Summ-Tieren gehen. So hat alles im Leben ein Für und Wider.

 


 

Wasserfenchel und Streifenwanzen (32)
August

 

Überleben und Fortpflanzung - das sind die wichtigsten Ziele der Natur. Welche Mechanismen sie dafür einsetzt, das bleibt uns Menschen nur zu oft ein Geheimnis. Ein schönes Beispiel für Über­lebenstaktik – wie auch immer – ist der Wasserfenchel im Tümpel des Naturschutzgebietes Baumberger Aue. Diese sehr seltene Pflanze war in den letzten Jahren verschwunden, weil ihr Lebensraum durch zu viel Wasser im Tümpel vernichtet schien. Jetzt, wo er ziemlich trocken gefallen ist, kommt sie plötzlich in den verlandeten Zonen wieder zum Vorschein. Sie hat es geschafft, sich einige Jahre unter für sie widrigen Umständen dennoch keimfähig zu halten.

   Ein überraschendes Erlebnis bescherte uns ein bisher noch nicht gesehe­ner Hummelschwärmer. Das ist ein tagaktiver Nachtfalter, der ähnlich wie ein Kolibri vor den Blüten schwirrt, aus denen er Nektar saugt.

   Auch ein nicht zu häufiger Gast in unseren Breiten ist der Postillon, der auch Wandergelbling heißt. Dieser Schmetterling tummelte sich auf Schmet­terlingsblüten im neuen Deichgebiet. Er ist auf der Oberseite orange und auf der Unterseite gelb mit einem silbrigen Doppelfleck.

   An fast allen Wegrändern und auf trockenen Wiesen ist die Wilde Möhre zu finden. Dieser weiße Doldenblütler hat eine einzige schwarzrote Blüte in der Mitte. In manchen Gegenden wurde sie Herz-Jesu-Blutströpfchen genannt. Nach dem Verblühen schließen sich die Dolden nestartig zusammen. Die Früchte sind mit kleinen Stacheln besetzt, so dass sie an vorbeistreifenden Menschen und Tieren hängen bleiben.

   Doldenblütler werden gern von Insekten besucht. Auf dem gelbblühenden Pastinak entdeckte ich zwei bildschöne Wanzen. Wer sich jetzt ekelt, der kann nur an Bettwanzen gedacht haben. Von den Wanzen in der freien Natur sind die Baumwanzen die farbigsten. Die zwei, die meine Aufmerk­samkeit erregten, waren Streifenwanzen, leuchtend rot gefärbt mit schwar­zen Streifen und an den Seitenrändern des Hinterleibs mit schwarzen Punkten.

   Der heiße Sommer hat diese mediterrane Art und noch manch andere wärmeliebende Insekten in unsere Breiten gelockt.

 


 

Liane und Wiesenknopf (33)
August

 

Für Tarzans Schwingkünste wären sie etwas zu schwach, doch Lianen wachsen auch bei uns im Auwald. Sie klettern an den Bäumen bis in die Wipfel hoch, um dann freihängend nach unten weiter zu wachsen und können eine Länge von bis zu dreißig Metern erreichen. Besser bekannt sind unsere heimischen Lianen unter dem Namen Waldrebe, die zur Familie der Hahnenfußgewächse gehört. Ihre weißlichgelben Blüten erregen wenig Aufmerksamkeit, doch die sich zurzeit bildenden Fruchtstände mit den wolligen Haarschöpfen sind in großem Maße auffallend. Daher rühren auch so volkstümliche Namen wie Herrgottsbart, Geißbart oder Frauenhaar.

   Der heiße Sommer hat allenthalben die Natur zur Eile getrieben. Unter manchen Birnbäumen liegt schon haufenweise Fallobst. Den Insekten jedoch kommt das gerade recht, denn viele Nektar spendende Pflanzen sind bereits verblüht. Nun ist der Tisch unter den Bäumen reichlich gedeckt. Die gären­den Früchte verströmen einen unwiderstehlichen Geruch und locken Admi­rale, Pfauenaugen, Bienen, Wespen und Fliegen an.

   Auch manch stattliche Eiche hat das heiße und trockene Wetter veranlasst, sich vorzeitig von ihren Früchten zu trennen. So sieht man schon viele grüne, unreife Eicheln, die normalerweise frühestens Ende September herunter fallen, am Boden liegen.

   Natürlich blühen noch etliche Pflanzen, doch nicht mehr so üppig wie noch vor kurzem. Eine Pflanze, die sich nach der Mahd schnell über das gemäch­lich nachwachsende Gras erhoben hat, ist der Große Wiesenknopf, dessen Stiel bis ein Meter hoch werden kann. Die dunkelroten Blüten sind klein und zu einem kompakten, eiförmigen Köpfchen vereint. Sie wurden mancherorts - neben vielen anderen Namen - auch Pfaffenknöpfe genannt. Früher sah man in der roten Farbe das Zeichen für ihre Wirksamkeit bei Blutungen. Auch heutzutage findet der Wiesenknopf Anwendung bei einigen Krankheiten und seine Blätter landen, jedoch vor der Blüte, in manchem Salat. In feuch­ten Mähwiesen tritt er sehr gesellig auf. Besonders anmutig sieht es aus, wenn die schlanken, hohen Stiele mit den dunkelroten Köpfen sich sachte im Wind wiegen.

 


 

Herbstzeitlose und Steinschmätzer (34)
September

 

Nun ist es amtlich. Die Meteorologen haben den Herbst eingeläutet. Auch auf den Wiesen in der Urdenbacher Kämpe leuchtet es schon rosa bis violett. Dort hat die Herbst-Zeitlose mit vielen hundert Blüten die gemähten Wiesen in einen floralen Teppich verwandelt. Von jeher ist das Interesse an dieser Pflanze groß, weil sie einige irritierende Besonder­heiten aufweist.

   Im Herbst wächst nämlich nur die Blüte heran und erst im darauf folgen­den Frühjahr erscheinen Blätter und Früchte. Das konnte man in früheren Jahren nicht zusammenbringen und fragte sich verwundert, warum im Früh­jahr wohl „der Sohn vor dem Vater“ erscheint. Ihre Kraft zum Blühen im Herbst nimmt die Zeitlose, die bereits seit Monaten kein grünes Blatt mehr besitzt, aus der etwa fünfzehn Zentimeter tief in der Erde liegenden Knolle. Nach der Bestäubung durch Hummeln und Bienen stirbt die den Krokussen ähnliche Blüte ab. Alle Teile der Pflanze sind giftig, besonders jedoch die im Frühjahr erscheinenden tulpenartigen Blätter und die sich im Juni öffnenden Kapseln mit den braunen Samen. Landwirte lieben die schöne Pflanze nicht, weil sie selbst noch im Heu ihre Giftigkeit behält; in der Medizin jedoch ist sie zu einem wichtigen Heilmittel geworden.

   Auch ein Indiz für den scheidenden Sommer sind Zugvögel aus dem Nor­den, die auf ihrem Weg nach Süden unser Gebiet durchqueren. Es war uns wieder eine große Freude an mehreren Stellen auf Feldwegen Stein­schmätzer zu entdecken. Diese etwa Bachstelzen großen Vögel sind bei uns nur auf ihrem Zug nach Afrika zu sehen, der sie bis südlich der Sahara führt.

   Nach einigen Regentagen und kalten Nächten meint die Sonne es noch einmal gut mit uns und animiert Pflanzen und Schmetterlinge zum letzten Gefecht. Auf einem kleinen Stück noch nicht zum zweiten Mal gemähter Wiese mit Witwenblume, Wiesensilge, Schafgarbe, Wiesenknopf, Herbst-Zeitlose und Klee sehen wir innerhalb weniger Minuten Wandergelblinge (Postillon), Kleine Feuerfalter, Bläulinge, Kohlweißlinge, Admirale und einen ziehenden Schwalbenschwanz. Im Gras wimmelt es von hüpfenden Heuschrecken und eine kleine grüne Raupe hangelt sich von Blatt zu Blatt. Welch herrliche Idylle, doch ein technisches Geräusch kommt immer näher. Der Landwirt rückt an, um das letzte Stück seiner Wiese zu mähen. Bedau­ernd verlassen wir diesen bukolischen Ort.

 


 

Stechapfel und Hausmutter (35)
September

 

Für uns heutige Menschen ist der Altweibersommer eine Schönwetter­periode in der zweiten Hälfte des Septembers. In früheren Zeiten jedoch hielt man ihn für ein Gespinst von Elfen, Zwergen und mysti­schen Spinnerinnen. Manchem sind die in dieser Zeit in der Luft schweben­den Spinnfäden ein großes Ärgernis. Die „Übeltäter“ sind junge Spinnen, die sich an ihnen vom Wind forttragen lassen.

   Ganz unterschiedlich hat die Natur auf diesen trockenen und heißen Som­mer reagiert. Während manche Pflanzen schon verdorrt sind, gibt es andere, die ihren Nutzen aus veränderten Bedingungen ziehen. So hat der Niedrig­wasserstand des Rheins große Kiesbänke geschaffen, auf denen an einigen Stellen Spitzklette und Stechapfel nur so aus dem Boden geschossen sind. Die großen trichterförmigen Blüten des aus Mexiko stammenden Stechapfels sind schon von weitem als weiße Tupfer in den buschig bewachsenen Strei­fen zu erkennen. Und wenn man ganz genau hinschaut, entdeckt man zwi­schen ihnen einige Pflanzen mit hellblauen Blüten und violett überlaufenen grünen Blättern. Dies ist eine sehr seltene Varietät des Stechapfels.

   Auch eine Seltenheit in unseren Breiten ist der Rotmilan, den wir wunder­bar beim Gleiten am azurblauen Himmel über der Baumberger Aue beobach­ten konnten. Seine Flügelspannbreite beträgt stattliche anderthalb Meter. Er ist ein rotbrauner Greifvogel mit rostfarbenem, stark gegabeltem Schwanz. In früheren Jahren brütete er im Garather Wald, doch die heranrückende Bebauung hat ihn aus unserer Gegend vertrieben.

   Im Moment blüht überall noch einmal nach Herzenslust das Löwenmäul­chen, das in der Botanik Frauenflachs oder Leinkraut heißt. Es säumt Straßen- und Wegränder mit seinen gelben Blüten, die in dichten Trauben am Ende des Stängels stehen. Für Kinder sind die Blüten immer ein Quell unerschöpflicher Freude, wenn man sie zwischen den Fingern leicht drückt und damit den orangefarbenen „löwenmäulchenartigen“ Schlund öffnet.

   Es gibt viele Nachtfalter, doch die wenigsten bekommt man jemals zu Gesicht. Einen fand ich tot auf einem Feldweg. Seine Vorderflügel waren unscheinbar braun, doch wenn man sie leicht spreizte, kamen gelbe Hinter­flügel mit einem schwarzen Saum zum Vorschein. Der Falter trägt den liebenswerten Namen „Hausmutter“.

 


 

Hopfen und Giftbeere (36)
September

 

Gern wird so ein Ausspruch wie „Hopfen und Malz, Gott erhalt´s“ gebraucht. Dieser Wunsch aus frommer Biertrinkerseele machte große Hopfenanpflanzungen nötig. Während die Kultursorten bis über zehn Meter lange Triebe entwickeln, windet sich der bei uns sehr häufig wachsende Wilde Hopfen nur bis zu sechs Meter um Stämme und Zweige von Bäumen und Sträuchern. Im Moment sehen die weiblichen Pflanzen mit ihren gelbgrünen Fruchtzäpfchen besonders attraktiv aus, wie sie sich perü­ckenartig über manchem Strauch ausgebreitet haben. Die jungen Triebe des Wilden Hopfens, der zur Familie der Hanfgewächse gehört und feuchte Böden bevorzugt, werden in manchen Gegenden wie Spargel zubereitet.

   Man kann es kaum glauben. An der unfertigen Straße am Kielsgraben hat sich zwischen unwirtlichem Kies und Schotterbergen eine wunderschöne Pflanze angesiedelt, die allerdings einen nicht zu erfreulichen Namen trägt: Giftbeere. Nichtsdestotrotz wurde sie früher als Zierpflanze in Gärten kulti­viert, war dann aber sehr unbeständig und nur noch selten anzutreffen. Inzwischen soll sie wieder auf dem Vormarsch sein. Und vielleicht ist sie die erste, die in Monheim angekommen ist. Ihre trichterförmige Blüte ist am Rand fünfmal eingeschnitten, zart hellblau und nach unten hin weiß. Die beerenartige Frucht versteckt sie unter ihren Hüllblättern, die bauchig zusammenstehen und fünf aufgerichtete Zipfel haben, die oben wie mit schwarzer Farbe besprüht wirken. Die Heimat der Pflanze ist Peru.

   Wie man sich doch verschätzen kann! Da hat uns der heiße und trockene Sommer schon glauben lassen, mit den Pflanzen wäre alles vorbei. Doch Regen und weiterhin freundliches Wetter haben noch einmal zu einem Wettlauf mit der Zeit animiert. Es sind überall Blumen zu sehen, die zwar eine sehr viel kleinere Wuchsform als normal haben, doch sich lebhaft zwischen dem auch wieder grünen Gras präsentieren. Gelb ist zurzeit an manchen Stellen dominierend. Neben dem Schmalblättrigen Greiskraut aus Südafrika, das erst seit ein paar Jahren hier siedelt und überaus anspruchs­los ist, sind Hornklee, Johanniskraut, Nachtkerze, Jakobs-Greiskraut und Rainfarn zu sehen. Als rosa Farbtupfer empfehlen sich Malve und Weiden­röschen, und der weißblühende Einjährige Feinstrahl sieht ein wenig wie ein „hochstämmiges“ Gänseblümchen mit vielen Blüten aus.

 


 

Spargel und Ohrenkneifer (37)
September

 

Das Leben in der Natur ist gar nicht so einfach. Tiere kennen eine Rangordnung und akzeptieren oftmals notgedrungen, dass der Größere und Stärkere das Sagen hat. Unterhalb der Deichwand konnten wir ein kleines Schauspiel am Saume des Rheins verfolgen. Eine Silbermöwe war im Besitz eines recht großen toten Fisches. Um sie herum lauerten in respektvollem Abstand ein paar Krähen und ein noch nicht voll ausgefärbtes Möwenjunges, das fast so groß wie sie selbst war. Hin und wieder legte sie beim Hacken kleine Pausen ein. Sofort näherten sich hoff­nungsvoll die anderen Vögel, um dann jedoch eilig zurückzuzucken, wenn die mächtige Möwe sich wieder dem toten Fisch zuwandte. Nach vielem Hacken hatte sie es endlich geschafft, den Kopf des Fisches abzutrennen und ihn nach mehreren Versuchen in ihren Schnabel zu bugsieren. Das Alttier schien nun genug gefressen zu haben und flog weg. Jetzt war die Bühne frei. Sofort versuchte das große Möwenjunge, den Rest des Fisches in Besitz zu nehmen. Doch der Respekt der viel kleineren Krähen ihm gegenüber war merklich geringer. Und so kam es, dass schließlich alle Anwärter, zwar unter ständigem Gerangel, immer wieder einen Bissen von der nahrhaften Beute erhaschen konnten.

   Spargel kennen wir meistens nur als leckere Frühjahrsspeise. Gegessen werden die knapp unter der Erde liegenden weißen Triebe. Verwildert wird der Gemüsespargel ein Meter hoch und entwickelt zarte nadelförmige Scheinblätter und glockenförmige kleine weiße Blüten. Er lebt gern an Flussläufen und fällt am Rheinufer im Moment durch seine ziegelroten Beeren auf.

   Gelegentlich begegnet uns ein kleines dunkelbraunes Tier, das eilig das Weite sucht, wenn wir es hinter einem Pflanzkübel oder Holzscheit aufge­schreckt haben. Es ist bekannt unter dem landläufigen Namen Ohrenkneifer, und offiziell heißt es Gemeiner Ohrwurm. Doch beide Namen treffen über­haupt nicht zu. Der Ohrwurm kneift weder in die Ohren, noch ist er ein Wurm, da er wie Käfer sechs Beine hat und – man kann es kaum glauben – sogar Flügel. Die jedoch benutzt er äußerst selten. Nach jedem Gebrauch muss er sie nämlich wie einen Fallschirm vielfach falten, um sie wieder unter den kurzen Deckflügeln verstauen zu können.

Natur wahrnehmen
h
eißt immer auch Staunen.
Staunen über ihre Vielgestaltigkeit
und die ausgeklügelten
Verhaltensstrategien.

 


 

Topinambur und Pfaffenhütchen (38)
Oktober

 

Sie blüht erst spät im Jahr und ist oftmals noch im November mit ihren auffallenden gelben Blüten zu sehen. Sie ähnelt der Sonnenblume, doch ihre Blüten sind kleiner. Die Pflanze ist bekannt unter dem Namen Topinambur. Sie kommt aus Amerika und wurde nach einem India­nerstamm benannt. Bei uns betitelte man sie früher mit Erdbirne oder Ross­kartoffel, die als Gemüse-, Futter- und Zierpflanze angebaut wurde. Verwil­dert findet man sie an einigen wenigen Stellen in ufernahen Bereichen in Monheim oder auf Wildäckern. Die essbare Knolle ist als Kartoffelersatz bei Diabetikern, aber auch bei Köchen als wohlschmeckende Beilage beliebt.

   Als Ausgleich zum Abschied von vielen blühenden Pflanzen bietet die Natur zurzeit an Sträuchern und Bäumen schöne Beeren und Früchte. Liguster und Kreuzdorn haben fast schwarze Beeren, die Früchte des Weißdorns und die der Heckenrose sind rot. Das Pfaffenhütchen jedoch ist an Attraktivität kaum zu überbieten. Seine Früchte sind geformt wie ein kleiner karminroter Kardi­nalshut, der in vier Klappen aufspringt und dann vier leuchtend orangefar­bene Samen sichtbar werden lässt. Welch gewagte Farbkombination: Rot und Orange! Doch es sieht bezaubernd schön aus.

   Die Schlehe, auch Schwarzdorn genannt, überrascht mit einem ver­schwenderischen Angebot. Viele Sträucher sind übersät mit den fast kugel­runden Steinfrüchten, die im Reifezustand blauschwarz und mit einer hell­blau wirkenden Wachsschicht überzogen sind. Früher erntete man Schlehen nach dem ersten Frost, durch den ihr sehr herber Geschmack gemildert wurde. Heutzutage kann man sie schon früher pflücken, wenn man sie nach dem Waschen eine Zeitlang in den Gefrierschrank legt. Zusammen mit Äpfeln verarbeitet, sind Schlehen gut für eine etwas anders schmeckende Marmelade.

   Doch zurück in die Natur. Noch einmal blauer Himmel, Sonne und Wind. Später ziehen von Süden Wolken auf, die sich wie zarte Schleier vor dem Himmelsblau ausbreiten. Plötzlich kreisen drei Bussarde über dem Feld am Laacher Hof. Dann sind es sechs, und wie aus dem Nichts taucht noch ein siebter auf. Es ist ein schönes Bild, wie sie die Thermik ausnutzen und mit minimalem Flügelschlag durch die Lüfte gleiten.

 


 

Regenbogen und Malermuscheln (39)
Oktober

 

Eigentlich sah es nach Regen aus, doch wir schwangen uns trotzdem aufs Fahrrad und erlebten etwas später ein wildbewegtes Himmels­panorama, das an frühere Maler erinnerte, die es meisterlich verstan­den, die Wolkendramaturgie ins Bild zu setzen. Auf dem alten Deich, der nahe Gut Blee noch als Leitdeich vorhanden ist, mussten wir einfach anhal­ten und schauen. Hier hatten wir die allerbeste Rundum-Sicht auf einen Himmel in Aufruhr. Es schien geradezu, als wären die Wolken aufgerufen, sich in jedweder Form und Position zu präsentieren. Im Norden ballten sie sich kompakt und schneeweiß zu Hochgebirgen zusammen, umgeben von reinstem Blau. Im Westen dagegen dominierte Grau, und nur die Silhouette der Petrochemie von Dormagen hob sich noch dunkler davor ab. Immer wieder machte die Sonne kleine Löcher ausfindig und schickte gezielt Strah­len wie silbrige Pfeile nach unten, die den grauen Rhein punktuell aufblitzen ließen. Doch der ruppige Wind stopfte die freundlichen Sonnenlöcher immer wieder mit dunklen Wolken zu.

   Zum Süden hin war am Himmel alles in Bewegung. Die grauen Wolken hingen tief und ließen sich willig vom Wind treiben. Sie veränderten ständig ihre Form und legten immer wieder blaue Flecken frei. In der Ferne zeich­nete sich ein Stück von Leverkusen und dahinter die Hügelkette des Bergi­schen Landes in scharfen Konturen ab.

   Und plötzlich war im Osten ein Regenbogen zu sehen, der gleichsam aus dem höchsten Gebäude von Monheim aufzusteigen schien und sich dann in sanfter Rundung hinter einer tiefhängenden grauen Wolke verlor. Wie ver­gänglich waren doch diese phantastischen Wolkenbilder!

   Auf dem Rückweg schauten wir uns noch einmal die vielen Muscheln an, die zu Tausenden unterhalb der Deichmauer am Ufer lagen, angespült von den Wellen des Rheins und bedingt durch den Niedrigwasserstand. Haupt­sächlich waren es die subtropischen Körbchenmuscheln. Dazwischen lagen einige etwa zehn Zentimeter große Flussmuscheln, die auch Malermuscheln genannt werden, weil sie früher Malern als Farbtöpfchen dienten. Sie haben eine sehr dicke Schale, die selbst im Geschiebe der Steine im Fluss keinen Schaden nimmt. Doch durch Wellenschlag von Schiffen können sie ans Ufer geworfen werden und dann nicht mehr zurück ins Wasser gelangen.

 


 

Rohrkolben und Zitronenfalter (40)
Oktober

 

Nun zeigt der Rhein wieder, wer hier im Gebiet der eigentliche Herr ist. Innerhalb weniger Tage ist er um fast zwei Meter gestiegen und macht langsam, aber stetig, seine alten Rechte geltend. All die Pflanzen, die sich keck in der trocken gefallenen Uferzone ausgebreitet haben, stehen nun im Wasser und sind teilweise schon von der Strömung aus ihrem neuen Sandbett gerissen worden. Man mag das im Einzelnen be­dauern, doch die Natur ist immer bestrebt, alles wieder ins Lot zu bringen. Und dazu gehört es natürlich auch, dass der Rhein wieder einen höheren Wasserstand hat.

   In den Feuchtgebieten um Langenfeld und Monheim oder an Gartenteichen wächst oftmals der Breitblättrige Rohrkolben mit seinen charakteristischen braunen Kolben, die eine plüschartige feste Oberfläche haben. Diese Pflanze wurde früher fast gänzlich genutzt. Die Blätter nahm man zum Dichten der Fugen in Fässern, die Kolben zum Putzen der Zylinder der Petroleumlampen, die Stängel zum Decken von Dächern. Sogar als Nahrungsmittel diente der stärkereiche Wurzelstock, der gebrannt auch als Kaffee-Ersatz verwendet wurde. Zurzeit haben die Kolben ihre Festigkeit verloren und lösen sich auf. Die Samen werden an langen Haarschöpfen nach und nach durch den Wind erfasst und fliegen einzeln davon. Zurück bleibt nur die leere Mittelsäule.

   Im Deichgebiet verströmen noch ein paar Pflanzen des Indischen Spring­krauts ihren modrig-süßlichen Geruch, der nicht jedermanns Sache ist. Als Ausgleich begeistern jedoch ihre sehr schönen blass- bis dunkelrosa Blüten.

   Die Vielzahl der Falter ist verschwunden. Nur ein paar nimmermüde Kohl­weißlinge sind noch so hin und wieder zu sehen. Schmetterlinge überwintern je nach Art verschieden, entweder als Ei, Raupe, Puppe oder Falter. Die, die als Falter überwintern, sind unter anderem Kleiner Fuchs und Tagpfauen­auge. Um sich vor Kälte zu schützen, haben sie sich in Ritzen und Spalten von Bäumen, Holzstapeln und Dachböden zurück gezogen. Am winterhärtes­ten sind die Zitronenfalter. Sie überstehen fast schutzlos auch die kälteste Jahreszeit, indem sie sich im Herbst an die Blätter immergrüner Pflanzen hängen. Gegen Erfrieren schützen sich die Falter durch eine Art „Frostschutz­mittel“, der das Zellgewebe schützt.

 


 

Laub und Wacholderdrosseln (41)
Oktober

 

Bäume in Not! In diesem Sommer führte die extreme trockene Hitze dazu, dass manche Bäume schon vorzeitig viele ihrer Blätter abwer­fen mussten. Erstaunlich ist es allerdings, dass trotz dieser besorg­niserregenden Vorgänge doch noch ein richtiger Herbst mit vielen buntge­färbten Blättern eingetreten ist. Aus der vorherrschenden Farbe grün ist so nach und nach gelb, rot und braun geworden, unterschiedlich je nach Baum- oder Strauchart. Viele Blätter hängen noch an den Ästen oder trudeln gerade durch die Luft, um dann dekorativ auf grauem Asphalt liegen zu bleiben. Und die Sonne macht aus den vielgestaltigen Blättern zauberhafte Kunstwerke.

   Ob es der Baum insgeheim wohl bedauert, dass er sich von seinen schö­nen Blättern, die er monatelang mustergültig versorgt hat, trennen muss? Natürlich ist es müßig, solchen Gedanken nachzuhängen. Das Prinzip der Natur ist Überleben, und für einen Baum in kahlem Zustand ist dies eher gewährleistet als in belaubtem, denn im winterkalten Boden können die Wurzeln oftmals nicht genügend Wasser aufnehmen oder die Zweige könn­ten unter der Last des Schnees abbrechen. Bevor sich der Baum seines Laubs entledigt, zieht er aus den Blättern noch alle nutzbaren Stoffe und produziert dadurch die bekannten Herbstfarben. Dort, wo sich das Blatt gelöst hat, entsteht eine kleine „Wunde“, die durch eine Korkschicht versie­gelt wird. Wie bewundernswert vorausschauend ist doch die Natur! Auf seine Weise hat sich der Baum fit für den Winter gemacht.

   Noch sind einzelne blühende Pflanzen zu sehen, die nun von Tag zu Tag weniger werden. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, sich wieder verstärkt der Vogelwelt zuzuwenden. Die Zugvögel unserer Region sind zwar schon nach Süden abgereist, doch jetzt durchqueren hier täglich Vögel aus nördlicheren Gebieten unsere Gegend. So entdeckten wir nicht nur einen Schwarm Feld­lerchen, sondern auch Rohrammern, die nach kurzen Flügen immer wieder in eine Zwischensaat einfielen. Auf einem abgeernteten Maisfeld tummelten sich neben unzähligen Rabenkrähen auch eine stattliche Zahl von Rot- und Wacholderdrosseln. Früher haben wir Wacholderdrosseln bei uns das ganze Jahr über gesehen. Beim Fliegen geben sie ein recht misstönendes Schnar­ren von sich. Es ist schade, dass wir diese schönen Vögel in letzter Zeit nur noch selten beobachten können.

 


 

Efeu und Rostgänse (42)
November

 

Wenn Herbst und Winter nahen, dann ist normalerweise im Pflanzenreich fast alles auf Reduktion eingestellt. Doch es gibt Gewächse, die aus der Reihe tanzen und sich gerade diesen Zeitpunkt zum Blühen aussuchen. Es ist der uns wohlbekannte Efeu, der sich jedoch acht bis zehn Jahre dazu Zeit lässt. Die gerne im Schatten wachsen­den immergrünen Blätter mit den oftmals hellen Adern sind während der Kriech- und Kletterphase fünflappig. Der Efeu, den man jetzt mit seinen in kugeligen Dolden angeordneten Blüten sieht, ist kaum noch als solcher er­kennbar. Die Blätter der Blütentriebe haben nämlich eine ganz andere Form, sie sind spitz-eiförmig und völlig ungelappt.

   Bereits seit dem Altertum ist Efeu bekannt. Derzeit bewährt er sich beson­ders als wärmeisolierende Pflanze bei Hausbegrünungen. Obwohl Blätter und Beeren giftig sind, erkannte man schon im Mittelalter die heilende Wirkung von Efeu auf die Atemorgane. Auch heutzutage ist er als Arzneipflanze bei Keuchhusten und Bronchitis anerkannt.

   Am Monheimer Rheinbogen gibt es zurzeit viel zu sehen. Eine durch den Niedrigwasserstand des Flusses gebildete große Insel ist zum bevorzugten Aufenthaltsort für vielerlei Vögel geworden. Eine große Zahl Kanadagänse, von denen einige beringt sind, steht dicht zusammen oder hält sich im seich­ten Wasser auf. Man muss schon genau hinsehen, wenn man zwischen ihnen die einzelne Nonnengans entdeckt will, die auch Weißwangengans ge­nannt wird. Neben lagernden und fressenden Rostgänsen sind auch etliche Nilgänse zu sehen. Einige Graureiher überragen die Szene um mehr als Haupteslänge. Sie stehen unbeweglich da und scheinen in tiefes Nachdenken versunken. In Wirklichkeit warten sie nur darauf, blitzschnell ihren Schnabel ins Wasser stoßen zu können, um einen Fisch zu ergattern. Ein großer Schwarm Rabenkrähen landet plötzlich zwischen den Rostgänsen, denen diese schwarze Invasion gar nicht genehm ist. Obwohl sie sonst äußerst wehrhaft sind, entfernen sie sich, zwar ohne Hast, doch zielstrebig und wa­ten ins Wasser. Den Krähen scheint der Platz doch nicht zuzusagen. Sie flie­gen auf und lassen sich an einem weniger besiedelten Flussstück nieder. So­fort kehren die Rostgänse an ihren nun wieder frei gewordenen Platz zurück.

 


 

Eichelhäher und Ameisen (43)
November

 

Beobachtungen in der Natur sind oftmals reine Glückssache. Man muss zur rechten Zeit am rechten Ort sein. So bedauern wir sehr, dass wir bisher vom Zug der Kraniche noch nichts gesehen haben, wohinge­gen wir Meldungen aus Leverkusen und Haan über Tausende von Durchzüg­lern erhielten. Etwas leichter ist es mit der Botanik. Hat man durch Zufall eine besonders interessante Pflanze entdeckt, kann man sie an ihrem Stand­ort garantiert antreffen, es sei denn, jemand hat sie zwischenzeitlich abge­pflückt. Je mehr man sich jedoch draußen mit offenen Sinnen aufhält, umso wahrscheinlicher ist es, Interessantes zu sehen.

   Zurzeit ist der sehr heimliche Waldbewohner Eichelhäher in den weniger belaubten Bäumen öfter als normal zu sehen. Seine Lieblingsnahrung sind Eicheln. Um im Winter nicht Hunger zu leiden, legt er sich einen Vorrat an und versteckt vorsorglich viele im Boden. Da er jedoch nicht Buch darüber führt, vergisst er oftmals die Stellen und trägt so dazu bei, den Eichenauf­wuchs zu fördern.

   Eichelhäher sind Rabenvögel, die gleichwohl auch zu den Singvögeln ge­zählt werden. Ihr Ruf ist jedoch nicht lieblich, sondern ein lautes Rätschen, das beim Auftauchen eines Feindes zu gellendem Geschrei anschwellen kann. Das hat ihm den Namen „Polizist des Waldes“ eingetragen. Zu den Feinden zählen nicht nur Marder, Eulen und Greifvögel, sondern auch Men­schen. Die kleinen weiß-blau-schwarz gebänderten Schmuckfedern seiner Flügel sind für viele eine begehrte Trophäe.

   Was machen eigentlich die kleinen Krabbeltiere im Winter, die die Hobby­gärtner so verärgern oder die geschäftig über Balkongeländer flitzen und sich auch nicht scheuen, in Wohnungen in höheren Etagen einzudringen? Zum Winter hin haben die stets fleißigen Ameisen Ruhe. Sie brauchen keine Vorratshaltung zu betreiben, weil sie im inneren Bereich ihres Baus in eine Art Kältestarre fallen.

   Jeder Windstoß holt sich eine Menge Blätter von den Bäumen, lässt sie Pirouetten in der Luft drehen und anmutig zu Boden trudeln. Im Wald und auf den Wegen hat sich eine dicke Laubschicht angehäuft, die geheimnisvoll raschelt, wenn Wind, Tier oder Mensch über sie hinweg streift. So nach und nach wird sie sich zersetzen und dem Boden wieder Nährstoffe zuführen.

 


 

Silberfischchen und Krammetsvögel (44)
November

 

Als Kind sind sie mir schon aufgefallen. Meine Mutter war ihnen gegenüber tolerant und sagte: „Das sind Silberfischchen.“ Und tatsächlich ist das nicht nur ihr volkstümlicher Name. Vor ein paar Tagen begegnete mir mal wieder nach vielen Jahren eins in unserem Bade­zimmer. Leider ist ihm der Kontakt mit mir nicht gut bekommen. Insekten gehören nicht unbedingt zu den Haustieren, die man ohne weiteres akzep­tiert. Hinterher fragte ich mich, um was für Tiere handelt es sich hier eigent­lich? Es sind völlig harmlose Zeitgenossen, die keinen Schaden anrichten. Sie gehören zu den flügellosen Urinsekten und lieben dunkle, feuchte Orte (was auf unser Badezimmer kaum zutrifft!). Den Kleister hinter Tapeten mögen sie genauso wie die Stärke in der früheren Bettwäsche. Werden diese licht­scheuen Wesen, die silberglänzend beschuppt sind, sechs Beinchen haben und noch nicht mal einen Zentimeter lang sind, aufgestöbert, schlängeln sie sich eilig wie Fische im Wasser in ihre Schlupfwinkel zurück.

   Nach diesem kleinen Exkurs vom heimlichen Leben in Wohnungen nun wieder zurück zur Natur. In den fast unbelaubten Laubbäumen fallen jetzt besonders die kugeligen Büsche der Misteln mit ihren weißen Beeren auf, die leckere Nahrung für Drosseln sind. Sie gehören zur Familie der Riemenblu­mengewächse. Die jungen Blätter können bei einigen Krankheiten angewen­det werden. In früheren Zeiten waren die Menschen noch sehr mit der Natur verwurzelt. Sie maßen den Misteln nicht nur heilende, sondern auch mysti­sche Kräfte bei. Die keltischen Völker verehrten sie sogar als dämonen­abwehrende Pflanzen.

   Am Kielsgraben haben wir zum wiederholten Male Wintergäste aus dem hohen Norden gesehen. Es war ein Trupp Rotdrosseln, der zusammen mit Wacholderdrosseln Rast in den leider nur noch vereinzelt am Baggerloch stehenden Bäumen machte. Wegen der dort beginnenden Auskiesung sind Bäume und Büsche entfernt worden.

   Wacholderdrosseln, die auch Krammetsvögel genannt werden, wurden früher neben Rebhühnern und Lerchen in begüterten Kreisen als Delikatesse gehandelt. Um sie haltbar zu machen, steckte man sie mit geklärter Butter in Dosen, die man verlötete und im Wasserbad eine Stunde kochen ließ. Heutzutage bezeichnet man derlei Praktiken nicht zu Unrecht als Vogelmord.

 


 

Schneebeere und Krickente (45)
November

 

An Waldrändern, in Parks, Hecken, und Gärten sieht man im Moment hier und da Sträucher mit weißen Beeren. Das ist hinsichtlich der Häufigkeit von roten und blauen Früchten in allen Schattierungen recht überraschend. Doch schon der Name der Pflanze weist auf diesen Zustand hin. Sie heißt nämlich Schneebeere und fällt im Sommer mit ihren unscheinbaren weiß bis rötlich getönten Blüten kaum auf. Wir Kinder sam­melten früher die weißen Beeren mit Begeisterung und warfen sie mit Karacho auf den Boden, wo sie einen kleinen Knall von sich gaben. Im Volksmund wird die Pflanze deshalb auch Knallbeere genannt.

   Ich muss noch einmal auf das begeisternde Erlebnis mit den Kranichen zurückkommen. Mehr als fünftausend von ihnen flogen vor ein paar Tagen in Keil- oder Linienformation über Baumberg und die Aue. Trotz der großen Höhe waren ihre charakteristischen Trompetenrufe gut zu hören. Im Fluge sind sie durch ihren ausgestreckten Hals und die weit über das Schwanzende hinausragenden Beine gut zu erkennen. Kraniche sind Bodenvögel, die sich nicht wie Reiher auf Bäumen niederlassen können. Zum Schutz vor räube­rischen Säugetieren bauen sie deshalb ihre Nester in sumpfigem Gelände

   Schwedische Kraniche fliegen zu dem Hauptsammelplatz auf Rügen und der umliegenden Boddenlandschaft und von dort bis nach Südspanien oder Nordafrika. Sie reisen in Familienverbänden, wobei die Jungen von den Altvögeln geführt werden. Kraniche weisen während des Zugs erstaunliche Leistungen auf. So können sie Fluggeschwindigkeiten bis über 100 Kilometer pro Stunde erreichen, fliegen in Höhen bis zu 5000 Metern und legen Strecken nonstop von 2000 Kilometern zurück. Das veränderte Klima hat jedoch schon zu Abweichungen ihrer Zugroute geführt. So ist für viele Kraniche bereits in Südfrankreich Endstation.

   Über noch eine Beobachtung haben wir uns gefreut. Die Krickenten sind wieder da! Diese kleinste europäische Wildentenart fühlt sich an seichten Gewässern mit dichter Vegetation wohl. Deshalb sind sie seit Jahren im Winter am Altrhein und am Baumberger Graben zu finden. Werden sie aufgeschreckt, können sie rasch und fast senkrecht starten. Das Nahrungs­spektrum besteht aus Wasserpflanzen, Sämereien, Insekten, Schnecken und Würmern. Ihren Namen erhielten sie durch ihre Rufe „krik, krik“.

 


 

Pustelpilze und Kaninchen (46)
November

 

Unser Novemberwetter ist schön, warm und viel zu trocken. Doch es reichen schon ein paar Regentage, um auf dem Waldboden das Pilzwachstum zu fördern. Nun ist es gar nicht so einfach, Pilze richtig zuzuordnen. Doch zurzeit wächst ein Pilz, der gut zu bestimmen ist. Er wird zwar nicht höher als vier Zentimeter, doch er erregt durch seine witzigen Wuchsformen einige Aufmerksamkeit. Es ist die Geweihförmige Holzkeule. Der erste Teil des sonderbaren Namens deutet es schon an, dass diese Pilze geweihartige Verzweigungen haben, die sich an der Spitze befin­den. Ansonsten sind sie hart und flachgedrückt. Außerdem fallen sie auf, weil sie mit Sporen weiß bestäubt sind. Ihr Lebensraum ist totes Laubholz. Der zweite Teil des Namens bezieht sich allerdings auf die keulenförmige Hauptfruchtform, die nur im Frühjahr zu sehen ist. Es macht Spaß, sich zu diesen merkwürdigen Gesellen niederzubeugen, um ihre Vielgestaltigkeit aus der Nähe betrachten zu können.

   Noch viel kleiner sind die Zinnoberroten Pustelpilze. Sie fallen im Spät­herbst und Winter durch ihr massenhaftes Auftreten an toten Laubholzästen auf. Sie siedeln sich auf der Rinde der abgebrochenen Zweige an und bilden bunte Stecknadelkopf große Pilze, die blassrosa bis orangerot gefärbt sind.

   In Feld und Flur hat sich ein bekanntes Tier, das für seine Vermehrungs­rate berühmt und bei manchem sogar berüchtigt war, ganz heimlich still und leise verabschiedet. Es ist das Wildkaninchen, das bei Befall durch das gras­sierende China-Virus innerhalb weniger Stunden stirbt. Mit etwas Glück sieht man einige dieser netten Tiere noch in kleinen abgeschlossenen Arealen, wie in Parks, an Baggerlöchern, auf Friedhöfen. Und dabei leben Kaninchen so gern in großen Kolonien. Im Gegensatz zu Hasen, die tagein, tagaus ihr Leben auf dem Feld verbringen müssen, haben Kaninchen es gemütlicher. Bei Wind und Wetter und nachts können sie sich in ihre unterirdischen Gangsysteme zurückziehen. Es macht Freude, zwei von ihnen am Südwest­ufer des Monbag-Sees beim Nachlaufen beobachten zu können. Besonders nett sieht es aus, wenn bei manchen Bewegungen die tief stehende Sonne ihre Ohren rosa aufleuchten lässt.

   Es bleibt zu wünschen, dass sich ihr Bestand wieder erholt, damit nicht ein Allerweltstier aus unserer Landschaft verschwindet.

 


 

Idylle im späten November (47)
November/Dezember

 

Es war einer jener überraschenden Tage Ende November, die man so schnell nicht vergisst. Der Himmel strahlte in wunderbarem Blau und ließ keinerlei Raum für trübe Gedanken. Blass und kühl war die Sonne, doch sie spiegelte sich in den Tautropfen auf den Grashalmen und leuchtete in allen Regenbogenfarben. Selbst die Vögel schienen beglückt bei ihrem emsigen Treiben. Und sie waren alle da, die fliegenden Freunde, die mit uns hier den Winter verbringen und nicht in den sonnigen Süden ziehen. Die kleinen, braunen Schatten, die in Bodennähe die Sträucher anflogen, das waren die rastlosen Zaunkönige. Ein Grünspecht ließ sein schallendes Ge­lächter ertönen, und in den höheren Regionen der Bäume suchten zwei Buntspechte in den Spalten der Rinde nach Insekten. Ein Kleiber präsentierte sich als wahrer Kletterkünstler und lief den Baum gleichermaßen routiniert hinauf wie hinunter.

Da waren Rotkehlchen, einige Zeisige und Grünfinken und ein Dompfaff-Pärchen, die in den kahlen Bäumen ihre farbige Präsenz zeigten. Am Boden blühten noch weiße Taubnesseln und das Nelkengewächs Wasserdarm.

Als hätten wir der Wunder noch nicht genug gesehen, wurden wir Zeuge eines Gerangels um eine Höhle in einer Pappel. Dort war ein starker Ast in einiger Höhe herausgebrochen und hatte eine Wunde in den Baumstamm gerissen. Dort entdeckten wir zwei der leuchtend grünen Halsbandsittiche, die mit ihren knallroten Schnäbeln Späne aus dem Holz herausrissen. Als sich plötzlich ganz vorsichtig eine Elster näherte, machten die Halsband­sittiche ein fürchterlich empörtes Geschrei. Sprach man so mit einer Elster? Diese zuckte etwas zurück, doch es war unter ihrer Würde, sofort den Rückzug anzutreten. Lange hielt sie allerdings das Gekreische nicht aus und suchte das Weite. Doch schon nahte ein weiterer Interessent. Ein Eichhörn­chen war aufmerksam geworden und wollte auch mal einen Blick in die Höhle werfen. Die Sittiche mit dem roten Halsband zogen sich protestierend auf einen höheren Zweig zurück. Dem Eichhörnchen war es aber schnell zu langweilig. Es hatte nämlich noch zwei Freunde dabei. Und elegantes Rauf- und Runterflitzen an den Stämmen und Springen von einem Baum zum anderen, das war es, was bedeutend mehr Spaß machte. Sollten doch die grasgrünen Gesellen mit ihrer Höhle glücklich werden...

 


 

Graureiher (48)
Dezember

 

Viele Naturerlebnisse sind interessant und erfreulich, doch manchmal offenbaren gewisse Hinterlassenschaften, dass sich ein Drama abge­spielt haben muss. Im Altrhein, der zurzeit kaum Wasser führt, muss ein Graureiher gestanden haben, als ihn vielleicht ein Fuchs oder ein Habicht schlug. Zuerst fiel uns im Bachbett an einer sandigen Stelle eine Menge kleiner heller Federn auf, dann sahen wir wenige Meter weiter lange graue Schwungfedern liegen. Damit war klar, dass es hier einen Reiher er­wischt hatte.

   Schade um den Reiher! Manchmal sind wir geneigt, Natur mit unseren menschlichen Maßstäben zu messen und Tiere in gut und böse einzuteilen. Das Prinzip der Tierwelt ist aber festgelegt in Fressen und Gefressenwerden, ganz gleich, ob wir es als grausam empfinden oder nicht.

   In früheren Zeiten genoss der Reiher großes Interesse. Die Jagd auf ihn war hohen Würdenträgern vorbehalten. Meistens wurde er dabei nicht ge­tötet, sondern durch Beizvögel wie Ger- oder Wanderfalken zur Landung gezwungen, gesund gepflegt, beringt und wieder frei gelassen. So sind in einzelnen Museen präparierte Graureiher mit mehreren Ringen zu sehen, das bedeutet, sie wurden mehrere Male geschlagen.

   Selbst in der Bebauung sind Graureiher zu häufigen Gästen in Gärten ge­worden, wo sie sich am Fischbestand in den Teichen gütlich tun. Vor kurzem rief uns ein Hausbesitzer von der Opladener Straße an, dass sich ein kranker Reiher in seinem Garten aufhalte. Kurze Zeit später waren wir vor Ort, um ihn eventuell einzufangen und nach Gerresheim in die Tierpflegestation zu bringen. Dass er nicht in Ordnung war, fiel schon von weitem auf. Er saß auf dem Boden. Als wir uns vorsichtig Schritt für Schritt näherten, stand er auf und zog sich in die hinterste Ecke des Gartens zurück. Was dann geschah, war so überraschend, dass wir uns verblüfft ansahen. Auf einmal duckte er sich und suchte an der sehr dichten Hecke herum. Und plötzlich war er weg. Durch eine unvorstellbar kleine Lücke hatte sich dieser recht große Vogel in den Nachbargarten gezwängt. Mit einigen Leuten suchten wir die umlie­genden Gärten ab, doch er blieb wie vom Erdboden verschwunden.

Da kommt der Wunsch auf,
die Sprache der Tiere zu sprechen,
um ihnen sagen zu können,
dass man doch nur helfen will.

 


 

Wertvolle Disteln (49)
Dezember

 

Wie schön sah der Himmel in den letzten Tagen ein paar Mal aus, als Morgenrot die Wolken mit verschiedenen Rottönen überhauchte. Da wurden Kindheitserinnerungen wach. Gerade zur Weihnachtszeit sagte damals immer irgendein Erwachsener bedeutungs­voll zu uns Kleinen: „Christkindchen backt“, und wir schauten begeistert zum Himmel auf. Dieser Gedanke beflügelte uns und machte zeitweilig das War­ten auf Weihnachten erträglicher.

   Eine wenig erfreuliche Zeit für unsere daheimgebliebenen Vögel beginnt, wenn der Frost einsetzt. In den Außenbereichen ist dann das Futterangebot karg und Schmalhans Küchenmeister. Stadtvögel dagegen leben viel besser. Sie finden oftmals ihr Auskommen in Gärten und auf Balkons, wo Meisen­knödel, Sonnenblumenkerne, Nüsse und Haferflocken ihnen einen gedeckten Tisch bieten. Sie entdecken schnell, wo es etwas zu holen gibt und erfreuen die Spender mit ihrem emsigen Treiben. Neben Kohl- und Blaumeisen, die nach dem Motto „Hoppla, jetzt komm ich“ heransausen, steht das Rotkehl­chen plötzlich still und leise irgendwo. Man hat es nicht herannahen sehen, weil es von unten sein Ziel anfliegt. Wie es da auf seinen dünnen Beinchen steht, seinen runden Körper und die rostrote Kehle und Brust präsentiert, sieht es regelrecht liebenswert aus. Es hat nicht die hektische Art der Mei­sen. Bevor es wegfliegt, taxiert es mit seinem großen, dunklen Auge erst einmal sekundenlang den Störenfried.

   So sehr Disteln in Gärten gehasst werden, in der freien Natur tragen sie wesentlich zum Überleben vieler Vögel im Winter bei. Für Distelfinken, die auch Stieglitze heißen, gehören die Samen von Disteln zu ihrer bevorzugten Leibspeise. Überall dort, wo Feldgehölze, offenes Gelände mit Baumgruppen oder Obstgärten sind, kann man sie antreffen. Sie sehen sehr bunt aus und sind leicht an ihren schwarz und gelb gezeichneten Flügeln und an der roten Gesichtsmaske zu erkennen. Nach der Brutzeit sind sie ein geselliges Völk­chen und fliegen bei der Futtersuche gerne in Trupps zu samentragenden Birken und Erlen oder zu Stauden von Wildkräutern. Der „Steinacker“ am Rhein in Baumberg, eins ihrer bevorzugten Domizile, wurde vor wenigen Wochen ratzekahl gemäht und bietet nun in der kalten Jahreszeit weder Nahrung für Vögel noch Deckung für Säugetiere.

 


 

Raureif und Dohlen (50)
Dezember

 

Wenn Nächte frostig sind, hinterlassen sie oftmals interessante Spuren am Erdboden. Zauberhafte Kunstwerke entstehen durch den glitzernden Raureif. Laub, Gras oder wintergrüne Blätter von einigen Pflanzen, alles ziert dann ein weißer Saum von winzigen Eiskristallen. Doch die Sonne ist der Feind dieser zarten Gebilde und bringt sie so nach und nach zum Wegschmelzen. Dann spiegelt sie sich noch eine Weile in den nassen Tropfen bis sie auch diese aufgesogen hat und alles wieder so alltäglich aussieht wie vorher.

   Kommt man in die Nähe des Klärwerks Langenfeld/Monheim, dann sind manchem gewiss schon die vielen Dohlen aufgefallen. Dass sich die Popula­tion wieder erholen konnte, liegt an den vielen Nistkästen, die an den Klär­türmen aufgehängt wurden. Diese Rabenvögel waren sehr in ihrem Bestand gefährdet, weil sie zum Nestbau eigentlich alte Bäume mit entsprechend großen Höhlen brauchen, die es leider in unserem Umfeld kaum noch gibt. Dohlen werden oft mit Krähen verwechselt, doch die Rabenkrähe ist viel größer und alles an ihr ist schwarz, sogar das Auge. Dohlen haben zwar auch schwarzes Gefieder, doch Nacken und Ohrdecken sind von feinem Grau und auch die Augen sind hellgrau bis weißlich. Sie leben gerne gesellig und gehen in Gruppen auf Nahrungssuche. Eins macht die Dohle vielen Menschen sympathisch: Sie ist kein Nestplünderer wie ihre Kollegen, die Rabenkrähen.

   Nun sind die Bäume so gut wie kahl. Nur hin und wieder gibt es noch ein paar Blätter, die versuchen, ihr jahreszeitliches Ende hinauszuzögern und sich von keinem Wind oder Regen vertreiben lassen wollen. Nun dringt auch wieder Licht bis auf den Waldboden. Dort kommen jetzt in leuchtend grünen Farben die zierlichen Moose zur Geltung. Sie bilden manchmal zwischen dem braunen Laub schöne Farbtupfer und haben tristen Holzhaufen und liegen­den Baumstämmen grüne Mützen aufgesetzt. An einigen Stellen stehen dicht an dicht die reizenden Sternmoose, wo jedes Pflänzchen von oben betrachtet wie ein kleiner grüner Stern aussieht. Auch Baumpilze in vielerlei Formen und verschieden matten Farben bilden jetzt verstärkt einen Blickfang.

   Zurzeit geizt die Natur mit offensichtlichen Reizen. Doch bei genauerem Hinschauen, kann man immer noch genügend ihrer feinen Akzente wahr­nehmen.

 


 

Kleiber und Erlenzeisige (51)
Dezember/Januar

 

An seinem vorletzten Tag präsentiert sich das alte Jahr noch einmal mit seidenblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein und lässt eine Ahnung vom nahenden Frühling aufkommen.

   An windgeschützten Stellen sind tatsächlich schon einige vorwitzige Wei­denkätzchen zu sehen. Am Ortsrand schallt aus einem hohen Brombeer­gebüsch der fröhliche Chor eines Spatzenvölkchens. Nur braune Schatten sind manchmal zu sehen, die sich aber schnell wieder im Inneren des stachligen noch mit mattgrünen Blättern besetzten Dickichts verlieren.

   Ein wertvoller Winterbaum ist die Schwarz-Erle, die gleichzeitig auch zu den Charakterbäumen unserer Aue zählt. Für einige Vögel ist sie in dieser kargen Zeit von großem Interesse. Die fest zusammengedrückten braunen Kätzchen, die bereits im Herbst angelegt werden und überwintern, lassen manchen dieser Bäume im Moment wie mit Kakao bestäubt erscheinen. In wenigen Wochen werden sich die männlichen Kätzchen, die zurzeit noch nicht einmal zwei Zentimeter lang sind, strecken und dann bis zehn Zenti­meter an den Zweigen herabhängen.

   In einer Erle beobachten wir wohl an die sechs Kleiber, die emsig dort herumklettern, hier und da knabbern und sich währenddessen mit metallisch klingenden „tui-tui-tui“-Rufen unterhalten. An den Zweigen hängen noch die vorjährigen weiblichen Kätzchen, die zu dunkelbraunen Zapfen verholzt sind und manchmal erst jetzt ihre Nussfrüchte aus den Zapfen freigeben. Erlen leben in Partnerschaft mit einem Pilz, der an den Wurzeln massenhaft winzi­ge Knöllchen bildet und die Pflanze mit zusätzlichem Stickstoff versorgt.

   In einer anderen Erle entdecken wir einen Trupp sehr lebhafter Vögel. Bei näherem Hinsehen freuen wir uns, Erlenzeisige entdeckt zu haben. Es sind kontrastreich gemusterte Finken, die Nadel- und Mischwälder lieben. Zu er­kennen sind sie an ihrem auffälligen schwarzgelben Flügelmuster und ihrer hell und dunkel gestreiften Brust. Sie sind sehr geschickt und können wie Blaumeisen kopfüber klettern. Als Teilzieher schließen sie sich im Winter oft zu großen Schwärmen zusammen. In dieser Zeit bilden Baumsamen von Erle und Birke und Unkrautsamen aller Art ihre Nahrung. Ihr spitzer schlanker Schnabel ist gut geeignet, feine Samen aus Zapfen klauben zu können.

 


 

Wetterkapriolen und Baumläufer (52)
Januar

 

Erst Temperaturen unter Null Grad mit Sonnenschein, dann ein biss­chen Schneefall und schließlich Regen - wenige Tage im neuen Jahr und schon eine ganze Palette von Wetterkapriolen. Bei dem frostigen Wetter fielen in einigen Weidenbäumen sonderbare Klumpen auf, die sich bei näherem Hinsehen als Ringeltauben entpuppten. Sie hocken aufgeplustert auf den Ästen und trotzten so der Kälte. Ein wenig weiter auf dem Weg zeigte der Tümpel im Naturschutzgebiet Baumberger Aue, der Monate lang ausgetrocknet war, wieder einen kleinen Ansatz von Wasser, vom Frost jedoch mit einer leichten Eisschicht bedeckt. Das hohe Schilf rings herum, das bei trübem Wetter grau und unscheinbar aussieht, wirkt auf wundersa­me Weise durch Sonnenstrahlen belebt. Die mehrere Meter langen Stängel leuchten dann plötzlich zartgelb. Sie enden in den dunklen filigranen Frucht­ständen, die Staubwedeln ähneln. Wenn der Wind durch die biegsamen Halme streift und sie mal vehement, mal sanft hin- und herbewegt, sieht es fast so aus, als tanze ein Ballett zu den Noten einer unbekannten Melodie.

   Der Altrhein führt wieder etwas mehr Wasser und bewegt sich behäbig, aber zielstrebig zum großen Fluss hin. Dagegen ist das nahezu stehende Wasser des parallel verlaufenden Baumberger Grabens an zugigen Stellen vereist und bietet eine lustige „visuelle Leibspeise“: gefrorene Entengrütze. Es ist die grüne Wasserlinse, die das Wasser mit einem grünen Film bedeckt.

   Trotz Kälte und eisigem Wind balzen schon die Kleiber. Sie fliegen neckisch um einander, landen auf demselben Ast, suchen jedoch dann solange an verschiedenen Stellen ihr Futter, bis einer durch einen kurzen Ruf ankündet, dass er den nächsten Baum anfliegen will. Sofort macht sich auch der Part­ner auf die Socken und fliegt, mit dem gleichen Ton antwortend, hinterher.

   Eine plötzliche Bewegung an einem Stamm lässt den Blick dorthin schwei­fen. Etwas Mausartiges klettert dort die Borke aufwärts. Es ist ein Baumläu­fer, der eifrig mit seinem sehr dünnen, leicht gebogenen Schnabel in den Ritzen nach Futter sucht. Seine braune, weißgestrichelte Oberseite ist so gut getarnt, dass er meistens erst durch eine Bewegung auffällt. Baumläufer sind heimische Vögel, die im Brutgebiet überwintern. Bei starkem Frost suchen sie windgeschützte Stellen an Borken von Bäumen auf, wo sie dicht aneinander gedrängt Schlafgemeinschaften bilden.

 


 

Kopfweide und Steinkauz (53)
Januar

 

Geheimnisvoll sehen sie in der Dämmerung aus mit ihren knorrigen Stämmen und den darauf wachsenden geraden Ruten. Tagsüber jedoch prägen sie das Landschaftsbild unserer Auen und geben ihnen ein unverwechselbares Aussehen. Der Reiz der Kopfweiden besteht darin, dass jede ein Unikat ist. Das bezieht sich hauptsächlich auf den Stamm, der mit seinen Höhlungen und Verästelungen jedem Baum ein individuelles Aus­sehen gibt. Ihren „Kopf“ hingegen lässt die Weide gern vom Menschen frisie­ren. Weiden sind nämlich von Natur aus ein bisschen unvernünftig. Sie wachsen und wachsen und das auch noch ziemlich zügig. Und wenn sie nicht beschnitten werden, drohen sie, auseinander zu brechen. Ihr Stamm wird von Jahr zu Jahr uriger, doch nach oben hin bleiben sie jung und frisch und entwickeln immer neue Triebe, die etwa alle fünf Jahre einen Schnitt benöt­igen. Früher war die Kopfweide ein wertvoller Nutzbaum, deren nachwach­sende Äste dienten nicht nur als Gerätestiele und Bohnenstangen, sondern die dickeren auch als Brennholz und heutzutage auch als Uferbefestigung.

   Einer, der Weidenbäume besonders liebt, ist der Steinkauz. Diese nette kleine Eule mit den leuchtend gelben Augen bekam ihren wissenschaftlichen Namen, Athene noctua, nach der Göttin Athene, deren Attribut die Eule ist.

   In früheren Zeiten war indes der Steinkauz kein gern gesehener Gast an Behausungen. Ihm gab man den furchterregenden Beinamen Toten- oder Leichenvogel. In alten Erzählungen ließ er sich nachts auf Fensterbänken von erkrankten Menschen nieder und stieß seinen Ruf „Kuwit“ aus. Daraus wurde ein beängstigendes „Komm mit“, was einer Aufforderung gleichkam, ihr auf den Friedhof zu folgen. Heutzutage gibt man derlei Ängsten keinen Raum und liefert direkt eine recht plausible Erklärung: Bei Kranken brannte oftmals die ganze Nacht über Licht, das den Steinkauz dann angelockt haben mag.

   Steinkäuze leben hauptsächlich von Mäusen, Insekten und Regenwürmern, doch auch Kleinvögel werden nicht verschmäht. In Nordrhein-Westfalen steht der Steinkauz mittlerweile auf der Roten Liste, denn alte Bäume mit Höhlen sind kaum noch vorhanden. Diese braucht er aber zum Brutgeschäft. Erfreulicherweise bieten in der Baumberger Aue und Urdenbacher Kämpe die vielen Kopfweiden noch gute Brutmöglichkeiten.

 


 

Singschwäne und Kornweihe (54)
Januar

 

Im grünen Feld vor Haus Bürgel fällt eine Menge großer weißer Vögel auf. Es sind die seltenen Singschwäne, die zwischen den kleinen Pflanzen der Wintersaat grasen. Dreizehn von ihnen haben vollausgefärbte weiße Federn, jedoch eins steckt noch im bräunlich gefleckten Jugendkleid. Es ist phantastisch, welchen Orientierungssinn Zugvögel haben. Vermutlich sind unter ihnen die acht, die bereits im vorigen Jahr im Februar erstmalig in unserem Gebiet aufgetaucht waren. Singschwäne, die früher auch Gelb­schnabelschwäne genannt wurden, leben in Familienverbänden und haben sicher nun ihren Nachwuchs mit dabei. Vor ihnen liegt noch ein weiter Weg: Zum Brüten fliegen sie nach Island, Skandinavien oder Sibirien.

   Vor kurzem noch kränkelte der Rhein und hatte bemitleidenswert wenig Wasser, jetzt haben Regenfälle im Süden ihn wieder zu einem stattlichen Fluss anschwellen lassen, der dann direkt zum Größenwahn neigt. Er be­gnügte sich nicht nur mit seinem Bett, sondern ergoss sich in die Urdenba­cher Kämpe und versorgte das Naturschutzgebiet Baumberger Aue und den ausgetrockneten Tümpel wieder mit so viel Wasser, dass sogar der Weg daneben unbegehbar wurde.

   Auch im Monheimer Rheinbogen bahnte sich das Wasser zuerst seinen Weg durch die neu geschaffene Flutrinne im Deichvorland und über­schwemmte dann den „Vogelort“, der früher Sitz eines Gemüsebauern war. Das Hochwasser kroch am Kölner Pegel bis auf 7,95 Meter und befindet sich zurzeit aber wieder auf dem Rückmarsch.

   Just in diesem Gebiet entdeckten wir, auf der Deichkrone stehend, einen braunen Greifvogel, der in schaukelndem Suchflug in geringer Höhe über ein nur leicht überschwemmtes Wiesenstück flog. Es war ein Kornweihenweib­chen, das auf Mäusejagd war. Durch den hohen Wasserstand müssen viele der kleinen Nagetiere ihre gefluteten Erdlöcher verlassen und werden so zur willkommenen Beute für Greifvögel.

   Dieser Januar ist geprägt von milden und kalten Temperaturen in schnel­lem Wechsel. Eine der vielen Bauernregeln bescheinigt dem Landwirt für das kommende Jahr nichts Gutes: „Regen im Januar bringt doppelt Keime, aber nur halbe Frucht in der Scheune.“

 


 

Habicht und Brautente (55)
Januar

 

Dort, wo im Frühjahr und Sommer in schneller Fahrt die Wasserski-Begeisterten mit aufspritzender Gischt ihre Runden drehen, ist jetzt beschauliche Stille. Nur ein leichter Wind kräuselt das Wasser auf den Langenfelder Baggerseen. Blässhühner, Haubentaucher, Reiher- und Tafelenten haben sich in Gruppen versammelt, schlafen mit im Gefieder versteckten Köpfen oder tauchen nach Nahrung. Zwei der schwarzen Bläss­hühner steuern gerade das Ufer an und platschen die flache Böschung hin­auf. Mit ihren übergroßen blauen Zehen bewegen sie sich an Land recht un­beholfen. Doch plötzlich ein brauner Schatten, blitzschnell aus dem Nichts kommend. Eins der Hühner schießt erschreckt davon. Am Boden sekunden­lang ein Wirbel von schwarz und braun und auffliegenden Federn. Dann Ruhe. In den Fängen eines Habichts liegt ein Blässhuhn tot am Boden. Des Greifvogels dolchbewehrte Krallen haben es schnell und sicher getötet. Nur kurz verharrt er, dann schleppt er seine Beute in kleinen fliegenden Sprün­gen ins Dickicht, wo er nun in stundenlanger Arbeit mit dem Kröpfen be­schäftigt sein wird.

   Am Tümpel im Baumberger Naturschutzgebiet hat sich das Hochwasser viel Arbeit gemacht. An der tiefsten Stelle hat es die trockenen Schilfstängel durch Druck und Wellenbewegung klein gehäckselt und beim Rückzug ein­fach auf dem Weg liegen gelassen. Nun bilden sie eine weiche Matte, auf der jeder Schritt federnd ist und Assoziationen zum Waldboden hervorruft. Eine dünne Eisschicht auf dem Tümpel hat zwei Höckerschwäne nicht gehindert, sich dort eine Rinne zu schaffen, um mit ihren langen Hälsen an die tief im Wasser stehenden Pflanzen kommen zu können. Es wird sicherlich das Paar sein, das seit Jahren dort sein Brutgeschäft betreibt und gar manches Mal durch sommerliche Trockenheit zum Abwandern gezwungen war.

   Im Altrhein in Urdenbach, der durch das Hochwasser stark angeschwollen ist, treffen wir Bekannte aus Monheim. Es ist offensichtlich das Brautenten-Pärchen, das früher sein Domizil am Teich auf dem Gelände der Marienburg hatte. Ursprünglich kommt diese Art aus Amerika und wurde als Ziervogel gehalten, doch Parkflüchtlinge oder Vertriebene kommen auch in der freien Natur zurecht und brüten dort mit Erfolg. Vielleicht haben sie ihren Namen daher, weil die Männchen so prächtig wie eine „Braut“ aussehen.

 


 

Elstern und Heckenbraunellen (56)
Februar

 

Wilde Sturmböen haben Eis und Schnee hinweggefegt und das Thermometer in der ersten Februarwoche sogar auf 15 Grad klettern lassen. Welch frühlingshaft laue Luft, die so manchen schon zum Weghängen der Winterkleidung verführt, doch auch Kopf und Kreislauf in Unordnung bringt. Auch die Amselmännchen frönen bereits ihren Frühlingsgefühlen und flöten morgens so lieblich, als wollten sie jetzt schon die Weibchen becircen. Elstern sieht man mit kleinen Ästen im Schnabel in hohe Bäume fliegen. Sie sind dabei, ihre schadhaften Nester zu reparieren oder neue anzulegen.

   Vorwitzige bunte Krokusse und Schneeglöckchen stecken ihre Köpfe aus der braunen Erde. Frühblüher sind allerdings Kummer gewöhnt und halten auch dann standhaft durch, wenn der Winter plötzlich zurückkehrt.

   Bei diesen milden Temperaturen sollten die angelegten Futterstellen leer bleiben. Das ist natürlich irgendwie richtig, doch die Vögel kennen nicht die Überlegungen der Menschen und schauen trotzdem nach, ob etwas für sie bereit liegt. Bei uns auf dem Balkon finden sich hauptsächlich Amseln, Rot­kehlchen, Kohl- und Blaumeisen, manchmal auch Schwanzmeisen ein, doch neulich begeisterte uns ein Überraschungsgast: eine Haubenmeise. Sie ist so klein wie eine Blaumeise, doch ihr Gefieder ist überwiegend graubraun. Gut zu erkennen ist sie an ihrem schwarzweißen Kopf, den eine kecke Federhau­be ziert. Am liebsten hält sie sich in Nadelbäumen auf. Hier in unserem Gebiet ist sie sehr selten, doch kann es durchaus sein, dass sie irgendwo in Baumberg gebrütet hat, denn wir haben auch vergangenen Sommer auf der Verresberger Straße in einem Bäumchen eine Haubenmeise entdeckt.

   Man muss schon genau hinsehen, um eine Heckenbraunelle zu erkennen. Von hinten gleicht sie verblüffend einem Sperling, doch von vorn sieht sie viel feiner aus und ist an ihrem dünnen Schnabel und der grauen Kehle zu erkennen, die ihr auch den Namen „Bleikehlchen“ eintrug. Jetzt im Winter kann man diesen sehr heimlichen Vogel, der sich am liebsten in dichtem Buschwerk aufhält, in den unbelaubten Bäumen und Büschen oder gar an Futterstellen gut beobachten. Die Heckenbraunellen gehören zu den Teilzie­hern, das heißt, je nach Kaltwetterlage ziehen sie immer ein Stückchen weiter südwärts.

 


 

Kormorane und Misteln (57)
Februar

 

Am Nachmittag eines jeden Tages das gleiche Schauspiel: Schwarze Vögel ziehen zielstrebig vom Rhein in Richtung Monbag-See, der zwischen Monheim und Langenfeld liegt. Es sind die Kormorane, die einzeln oder in Gruppen ihre Schlafstellen aufsuchen. Sie übernachten in den Weidenbäumen auf der Insel im See und am Ufer in den hohen Pappeln, die zu ihrer traditionellen Brutkolonie gehören. Morgens mit der ersten Helligkeit machen sie sich dann wieder auf den Weg und fliegen Richtung Rhein, wo sie meistens den ganzen Tag über bleiben und im Fluss Fische fangen. Sie sind ausgezeichnete Schwimmer und Taucher, doch haben sie ein Manko. Ihre Federn sind nicht wie bei vielen anderen Vögeln Wasser abstoßend. Nach der Nahrungsaufnahme müssen sie erst einmal ihre klitschnassen Federn versorgen. Dann sitzen sie oftmals zu mehreren mit ausgebreiteten Flügeln am Ufer und lassen sich vom Wind das Gefieder fönen. Das sieht dann gerade so aus, als hätte jemand dort schwarze Laken zum Trocknen aufgehängt. Manche von ihnen lassen sich gern auf den roten Flusszeichen­masten nieder, wo sie regungslos sitzen und sich wie schwarze Scheren­schnitte gegen den Himmel abheben.

   Neben Haubentauchern, Tafel- und Reiherenten hat sich ein Trüppchen Zwergtaucher auf dem Monbag-See eingefunden. Sie machen ihrem Namen alle Ehre. Sie tauchen hervorragend und sind nicht größer als kleine Feder­bällchen mit Hals und Schnabel. Deshalb werden sie auch leicht übersehen, obwohl sie gar nicht so selten sind. Später im Jahr, wenn sie an stehenden oder langsam fließenden Gewässern brüten, halten sie sich hauptsächlich in der dichten Vegetation auf, so dass sie kaum noch entdeckt werden können.

   Im Auwald hat der raue Wind seine Spuren hinterlassen. Er hat Äste abge­brochen und jede Menge „Weihnachtsschmuck“ aus den Bäumen gefegt. Es sind Misteln, die zu Dutzenden am Waldboden liegen. Diese immergrünen Halbschmarotzer haben sich in den letzten Jahren stark vermehrt und fallen besonders im Winter in den unbelaubten Bäumen mit ihrem kugelig-nest­artigen Wuchs auf. Die hohe Luftfeuchtigkeit in Flussnähe und die milden Winter lassen sie gut gedeihen. Manche der erbsengroßen weißen Beeren sind durch das Herunterfallen aufgeplatzt und lassen klebriges Fruchtfleisch herausquellen.

 


 

Schnatterenten und Efeu (58)
Februar

 

Es ist schon phantastisch, was sich hier so alles heimlich herumtreibt. An einer stillen Stelle auf dem Krämer-Baggerloch, das neben dem Monbag-See liegt, entdecken wir so an die dreißig der seltenen und scheuen Schnatterenten. Sie sind fast so groß wie Stockenten, doch etwas schlanker. Das Gefieder der Erpel wirkt unscheinbar schiefergrau. Gute Erkennungsmerkmale sind jedoch der weiße Flügelspiegel und das schwarze Heck. Im Flug hingegen fällt der weiße Bauch auf, der in auffallendem Kontrast zu den schwarzen Schwanzfedern steht. Ihr Brutgebiet erstreckt sich von Osteuropa bis Asien. Von dort fliegen sie zum Überwintern in den Mittelmeer- und Schwarzmeerraum. Nur ein kleiner Teil zieht nach Nord­westeuropa. Schnatterenten sind manchmal recht schräge Vögel, da sie zum Schmarotzertum neigen. Sie halten sich gern zwischen Blässhühnern auf, die gut tauchen und Grünzeug aus größeren Tiefen nach oben holen können. Schnatterenten dagegen können nur gründeln, das bedeutet, sie erreichen nur die Pflanzen, die bis in die Nähe der Wasseroberfläche wachsen. Wenn nun die schwarzen Blässhühner vom Tauchen mit Futter nach oben kom­men, warten oftmals schon die Schnatterenten auf sie und klauen ihnen die mühsam geernteten Pflanzen für den eigenen Bedarf.

   Zurzeit reifen die Beerenfrüchte des Efeus, die gerne von Ringeltauben gefressen werden. Ringeltauben mögen aber auch Nadelholzsamen, Eicheln und Bucheckern, die sie jedoch zuerst in ihrem Kropf aufweichen müssen. Mit vierzig Zentimetern sind sie unsere größten Wildtauben. Ihren Namen erhielten sie wegen der weißen Abzeichen zwischen Hals und Flügel. Im Winter streifen Ringeltauben gern in großen Schwärmen umher und ver­einigen sich manchmal auch mit den Wintergästen aus Nordeuropa.

   Neulich zeichnete der sich neigende Tag eine besonders schöne Abend­stimmung in die Urdenbacher Kämpe. Zwischen grauen, gemächlich nach Süden ziehenden Wolken lugte immer wieder die untergehende Sonne hindurch, warf rötliche Strahlen auf die noch vom Hochwasser gefüllten Senken und ließ das dunkle Wasser kurzzeitig aufleuchten. Dazu kräuselte ein leichter Wind die Oberfläche. Die sich im Wasser spiegelnden Pappeln, Obstbäume und Weiden wurden dadurch zu wunderbaren impressionistisch verfremdeten Objekten.

 


 

Graugänse und Krickenten (59)
Februar

 

Am Niederrhein sieht man sie im Winter sehr häufig, doch wenn bei uns auch nur sieben auftauchen und auf dem Feld vor Haus Bürgel in der Wintersaat grasen, dann freut sich der Mensch. Gemeint sind die hübschen Graugänse. Ihr graubraunes Gefieder ist mit feinen weißen Streifen abgesetzt, die Füße sind fleischfarben, während der Schnabel blass­orange ist. Graugänse verpaaren sich schon mit anderthalb Jahren, obwohl sie erst etwa zwei Jahre danach erfolgreich brüten. Wenn sie einmal einen Partner gefunden haben, bleiben sie ihm meistens zeitlebens treu.

   Schaut man auf den Boden, so entdeckt man neben ganz vielen verschie­denen heranwachsenden Blättern auch schon einige blühende Pflanzen, wie rote und weiße Taubnesseln. Auch die ersten goldgelben Blüten des Huflat­tichs strecken schon ihre Köpfe aus der kalten Erde. Dieser Korbblütler macht es ganz anders als die meisten Pflanzen. Erst wenn seine Blüten verblüht sind, dann erscheinen endlich die Blätter, die ihm auch den Namen gaben. Sie sollen an den Huf eines Pferdes erinnern. Als einer der ersten Frühjahrsblüher besitzt Huflattich eine gute Portion Widerstandskraft. Er wächst auf anspruchslosen Standorten und gilt mancherorts als kaum auszu­rottendes Unkraut, doch als Heilpflanze ist er sehr geschätzt, etwa bei Ver­stauchungen, Wunden, Bronchitis oder Husten, weshalb ihn schon die alten Römer „Hustenkraut“ nannten.

   Dieser Winter macht mit uns, was er will. Gerade ist er wieder zu seiner eigentlichen Berufung zurückgekehrt und hat uns kalte Füße und rote Nasen beschert. Auf dem Dammweg zwischen Baumberg und Urdenbach überfällt er uns sogar mit einem kleinen Schneegestöber, um wenig später wieder zwischen den weißen und grauen Wolken die Sonne scheinen zu lassen.

   Durch die noch kahlen und erst vereinzelt mit silbrigen Kätzchen ge­schmückten Weidenbüsche ist jetzt noch ein Blick vom Damm aus auf das in den Senken stehende Wasser unterhalb von Garath möglich. Dort halten sich seit Wochen mehr als fünfzig Krickenten auf, die mit wahrhaft lieblichen Tö­nen schon von weitem auf sich aufmerksam machen. Krickenten sind die kleinsten hier vorkommenden Enten. Die Männchen fallen durch das weiß-grüne Band vom Auge bis zum Hinterkopf und den großen, hellgelben Steißfleck auf, die Weibchen durch ihren grünen „Spiegel“ an der Seite.

 


 

Spuren im Schnee (60)
März

 

Sehr selten ist es bei uns in den letzten Jahren, dass Schnee das Land bedeckt. Diesmal waren es zwei Tage, an denen sich die weiße Pracht präsentierte. Dächer, Fahrzeuge, Anlagen und Gärten waren in makelloses Weiß gehüllt, das jedoch auf den Straßen schnell seinen Reiz verlor. In der Natur war eine Zauberlandschaft entstanden, in der Felder, Büsche und Bäume wie mit Puderzucker bestäubt aussahen.

   Auf den Feldwegen hatten Männer- und Frauenschuhe, Hundepfoten und Treckerreifen eine wilde „Profilneurose“ hinterlassen, wo genau nachgelesen werden konnte, wer sich dort bewegt hatte. Auch die Felder gaben allerlei Tierfährten preis. Besonders auffallend waren die Spuren eines Hasen, die plötzlich endeten. Ein paar sonderbare Striche im Schnee, und dann liefen sie in eine andere Richtung, während zwischen den vier Hasenpfoten viel weitere Zwischenräume lagen als vorher. Hier hatte irgendetwas den Hasen gestört, der daraufhin einen Haken geschlagen und hurtig das Hasenpanier ergriffen hatte. Da keine weiteren Tierspuren zu sehen waren, könnte man da­von ausgehen, dass vielleicht ein Habicht ihn erschreckt hatte.

   Ganz sonderbar sah eine zierliche Spur aus, neben der sich rechts und links akkurate Längsstriche abzeichneten. Nach kurzem Verlauf hörte sie ab­rupt auf und war wie vom Erdboden verschwunden. Dies musste ein Vogel gewesen sein, der durch den Schnee gehüpft war und sich gleichzeitig mit den Flügeln leicht abgestützt hatte.

   Manchmal braucht man gar nicht weit in die Natur zu tauchen, um interes­sante Dinge zu sehen. Dass um unser Haus herum mitten in der Bebauung ein Sperber jagt, das hatten wir oft genug gesehen und ihn auch schon beim Schlagen einer Amsel auf dem Parkplatz und beim Kröpfen auf dem gegen­über liegenden Dachfirst beobachten können. Dass jedoch der Sperber die Straße so tief in rasantem Flug überquert, dass ich ihm vom Fahrrad aus auf den Rücken schauen und bei einem Schwenk seines Körpers auch noch seine quittegelben Füße sehen konnte, das war schon ein besonderes Erlebnis.

   Sperber sind recht kleine Greifvögel, die kurze breite Flügel und einen langen Schwanz mit dunklen Streifen haben. Um die Beute überrumpeln zu können, fliegen sie oft ganz niedrig über dem Boden, und manches Mal ver­folgen sie sogar Kleinvögel zu Fuß bis unter die Büsche.

 


 

Schellenten und Austernfischer (61)
März

 

Zwischen den grauen Wellen des Rheins fällt etwas Weißes auf, das plötzlich verschwunden ist, gerade als man es genauer ergründen will. Doch es taucht wieder auf, und dann ist es ganz klar, das sind die schmucken Männchen der Schellenten, die mit mehreren Weibchen um die Wette tauchen. Nun ist Geduld angesagt, wenn man heraus bekommen möchte, wie viele Tiere sich dort tummeln. Schellenten sind ein tauchfreudi­ges Völkchen. Mal verschwinden vier gleichzeitig, dafür tauchen an anderer Stelle drei nach einander auf. So geht das ununterbrochen. Doch irgendwann schaukeln tatsächlich alle oben auf den Wellen, und dann entdeckt man, dass zwei Machos mit acht Weibchen unterwegs sind, eins davon allerdings ist entweder ein Eigenbrötler oder vielleicht nur emanzipierter als die ande­ren: Es scheint nichts von Gruppendynamik zu halten, sondern taucht in einigem Abstand ganz für sich alleine - vielleicht an einer besonders nahr­haften Stelle. Die Männchen haben nur zwei Farben, weiß und schwarz, doch sehen sie sehr edel aus. Besonders schön wirken die schwarzen Schulter­federn, die ein kunstvolles Streifenmuster auf den weißen Seiten ergeben.

   Seit Wochen halten sich Schellenten am Rhein oder an den Baggerlöchern auf. Ihren Namen erhielten sie durch ihr lautes „Flügelklingeln“. Auch sie sind bei uns nur Wintergäste, die noch einen weiten Weg nach Norden vor sich haben. Dort brüten sie in Höhlen alter Bäume, die in unmittelbarer Wassernähe stehen. Wenn die Jungen anderthalb Tage alt sind, lockt ihre Mutter sie nach draußen. Jetzt müssen sie von ihrem Schlupfloch in die Tiefe springen, wo sie dann von ihrer Mutter zum Wasser geführt werden.

   Ein Stück weiter entdecken wir auf den ungefügen Steinen der Kribben zwei Austernfischer, diese großen schwarzen Vögel mit dem weißen Bauch. Sie können mit ihrem knallroten, langen Schnabel geschickt Muscheln öff­nen, die am Spülsaum liegen. Als Strandvögel kommen sie an der Nordsee sehr häufig vor, doch hier in unseren Breiten sind sie selten. Schon 1989 hatte sich ein Paar an unseren Rheinabschnitt verirrt und dort auch erfolg­reich gebrütet. Seitdem ist es immer wieder mit Nachwuchs beobachtet worden. Manches Mal machen die Austernfischer selbst auf sich aufmerk­sam, wenn sie ihren durchdringenden, doch melodischen Warnruf „kliep-kliep“ ausstoßen.

 


 

Der Frühling und die Zitronenfalter (62)
März

 

Plötzlich ist er da: der langersehnte Frühling. Und noch dazu einige Tage vor seinem kalendarischen Beginn mit Sonne, blauem Himmel und 20 Grad. Die Luft ist erfüllt von fröhlichen Kinderrufen und Vogelgezwitscher, allerdings auch wieder von wüster Musik aus offenen Autofenstern.

   Beim Eintauchen in die Natur jedoch lassen wir die Zivilisationsgeräusche hinter uns. Im vielstimmigen Chor der Vögel ist an manchen Stellen zwar das Schnarren der Rabenkrähen dominierend, doch meistens überwiegen die lieblicheren Töne von Amsel, Zaunkönig, Rotkehlchen, Buchfink und Hecken­braunelle. Auch der Zilpzalp, der aus seinem Winterquartier zurückgekehrt ist, schmettert sein seltsames Zweitonlied. Ein Grünspecht begleitet uns ein Stück mit seinem gellenden Lachen, während sein Kollege, der Buntspecht, irgendwo lautstark auf einem hohlen Ast ein wildes Stakkato trommelt.

   Dann plötzlich ein rostroter Fleck im Baum. Dort wuselt ein Eichhörnchen, das gerade ein unfertiges Nest inspiziert, doch schnell von zwei Krähen em­pört verscheucht wird. Über uns hören wir katzenartige Rufe. Am Himmel nutzen zwei Bussarde das herrliche Frühlingswetter, um in der vom Boden aufsteigenden warmen Luft ihre Kreise zu drehen.

   In den über und über mit Blütenstaub bedeckten Weidenkätzchen suhlen sich regelrecht die Bienen. Sie sind völlig gelb bestäubt und haben schon fleißig an ihren Hinterbeinen gelbe Pollen gesammelt. Auch aus einem voll in Blüte stehenden Schlehenstrauch ist ein vielstimmiges Summen von begei­sterten Bienen zu hören.

   Was ist ein Frühlingstag, ohne einen Zitronenfalter gesehen zu haben? Wir haben sogar Glück. An uns fliegen in Abständen sechs dieser Art vorbei. Zi­tronenfalter sind ganz harte Burschen. Sie können den kältesten Winter als Schmetterling draußen überleben. Eine dem Frostschutzmittel ähnliche Sub­stanz schützt sie vor Eis und Schnee. Auch ein Pfauenauge ist vom warmen Wetter geweckt worden. Es hat in irgendeiner Spalte, die es vor den Wetter­unbilden geschützt hat, den Winter überlebt.

   An manchen Stellen ist der Boden plötzlich bedeckt mit gelben Sternen. Das hübsche Scharbockskraut ist wieder da, das früher gegen die Vitamin-C-Mangelkrankheit Skorbut als Heilmittel angewendet wurde.

 


 

Blässhühner und Kiebitze (63)
März

 

Kein Schmetterling ist unterwegs, selbst die Vögel halten sich zurück und lassen nur kurze verhaltene Laute hören. Irgendjemand muss Petrus sehr verärgert haben, dass er uns nach dem traumhaften Wetter derart mit Kälte straft.

   Trotzdem gibt es Erfreuliches zu beobachten. Der jahrelang ausgetrock­nete Tümpel im Naturschutzgebiet Baumberger Aue ist durch die letzten Rheinfluten mit viel Wasser gespeist worden und hat dadurch eine wunder­bare Belebung erfahren. Dutzende von Vögeln gehen dort ihren Geschäften nach. Zwei Schwäne ziehen majestätisch ihre Bahnen und schauen etwas herablassend auf das kleine Wasservolk da unten. Das ändert sich schlag­artig, als zwei der stattlichen Kanadagänse ganz in ihrer Nähe landen. Sofort versucht einer der Schwäne mit hochgestellten Flügeln die Gänse aus seinem Brutgebiet zu vertreiben, was ohne Erfolg bleibt. Ernüchtert gibt er sein Im­poniergehabe auf.

   Nervend für alle übrigen Tiere sind die quirligen Blässhühner, die, wenn sie nicht gerade nach Grünzeug tauchen, keinem Streit aus dem Wege gehen. Meistens zanken sie lautstark mit Artgenossen, die sie gern meterweit im Laufschritt über den Tümpel scheuchen und sekundenlang mit ihren blauen Füßen interessante Muster ins Wasser treten. Manchmal vertreiben sie auch die netten Krickenten, die eigentlich schon auf dem Weg in ihr nördliches Zu­hause sein müssten. Drei Paare sind noch da und lassen die Hoffnung aufkei­men, sie könnten vielleicht bei uns brüten, was in früheren Jahren schon einmal der Fall war. Allerdings ist der Tümpel ein unsicherer Kantonist. Wenn es weiterhin so wenig regnet, kann es durchaus sein, dass er in kurzer Zeit wieder trocken fällt. Auch noch nicht abgereist ist eine einzelne Schnatterente, die in der Nähe eines Stockentenpärchens gründelt.

   Plötzlich taucht etwas kleines Graues mit rostrotem Hals neben dem riesi­gen Schwan auf. Es ist ein Zwergtaucher, der aber angesichts des weißen Eisbergs schnell wieder im Wasser in Deckung geht.

   Hinterm Tümpel auf dem Feld ist derweil ein Gebietskampf entbrannt. Mehrere heimgekehrte Kiebitze versuchen sich gegen Krähen, denen der Acker schon den ganzen Winter über gehört hat, durchzusetzen, um für sich ein Stück Land, wo sie ungestört Brüten können, zu erobern.

Wenn der Tümpel nicht wieder austrocknet,
dann wird dort in wenigen Wochen
ein großer Kindergarten zu sehen sein.

 


 

Schmetterlinge und Hummeln (64)
April

 

Wir haben die Uhr umgestellt und - die Lerchen sind wieder da mit ihrem fröhlichen Tirilieren. Es ist Frühling! Die Indizien dafür mehren sich von Tag zu Tag. Und selbst das Wetter spielt im Moment mit. Zwar sind die Nächte noch bitterkalt, doch morgens ziehen die Tage mit Sonne, blauem Himmel und mittags angenehmen Tem­peraturen herauf. Das mögen auch die Schmetterlinge und machen wieder ihre ausgedehnten Ausflüge. Balzende Kleine Füchse, Pfauenaugen und in­tensiv gelbe Zitronenfalter durchgaukeln die Luft, immer auf der Suche nach den noch spärlich blühenden Futterpflanzen und vielleicht auch nach einem geeigneten Partner.

   Erste Marienkäfer bringen rote Farbtupfer auf braune Äste und wintergrü­ne Blätter. Auch hübsche schwarz-weiße Käfer laufen emsig zwischen wel­kem Laub und heranwachsenden Lippenblütlern umher. Sie sind offensicht­lich so unbedeutend, dass sie keinen deutschen Namen zugeteilt bekamen. Sie heißen einfach nur Tritomegas bicolor und gehören zur Familie der Erd­wanzen. Hummeln, vom Frühling geweckt, klettern aus ihren Erdhöhlen, die oftmals über ein Meter tief im Boden liegen. Besonders gern okkupieren sie verlassene Nester von Mäusen und verwenden sogar dort vorgefundenes Laub und Moos zum Bau des eigenen Nestes. In ihrem dicken Pelzmantel fliegen sie gemächlich und mit lautem Brummton über den Waldboden und freuen sich über den zurzeit voll in Blüte stehenden Lerchensporn. Vom Dammweg aus, der von Baumberg nach Urdenbach führt, wachsen diese schönen, doch recht unscheinbaren Pflanzen zu Hunderten am gegenüber­liegenden Hang von Garath. Erst die Strahlen der Sonne bringen ihre trüb­roten Blüten richtig zur Geltung.

   Auffallender dagegen sind die weißen Buschwindröschen, die den Altrhein ein Stück am Ufer begleiten und in guter Nachbarschaft mit den gelben Blü­tensternen des Scharbockskrauts leben.

   Vermehrt sind zurzeit die sperlingsgroßen Goldammern zu sehen, die sich gerne im offenen Gelände in Hecken und Feldgehölzen aufhalten. Wir ent­decken über zehn von ihnen in einem üppig blühenden Schwarzdorn, wo sie nicht nur durch kurze Laute auf sich aufmerksam machen, sondern auch Kopf und Unterseite als leuchtend gelbe Farbkleckse präsentieren.

 


 

Krickenten und Sumpfdotterblume (65)
April

 

April, April! Er macht mit uns aber auch, was er will. Hagel, Sonne, Regen, Kälte. Es könnte wirklich wärmer sein, doch der Regen ist nach diesem trockenen Frühjahr für die Natur sehr nötig. Der Tüm­pel in der Baumberger Aue zeigt nämlich schon verdächtige Verlandungs­erscheinungen. An vielen Stellen wächst Gras aus dem Wasser. Dabei be­herbergt er zurzeit neben Stockenten, Blässhühnern, Schwänen, Teichhüh­nern, Rost- und Nilgänsen noch einige seltenere Vögel, die anscheinend vorhaben, hier zu brüten. So sind immer noch drei Krickentenpärchen und ein Paar Knäkenten da. Letztere haben bereits voriges Jahr versucht zu brüten, doch das ungewöhnliche Wetter, das den Tümpel völlig austrocknen ließ, hat einen Bruterfolg vereitelt.

   Spaßig sieht es aus, wie der Reiher so am Tümpel steht und eins seiner nackten Beine leicht angewinkelt vorgestreckt hat, fast so, als wolle er per Anhalter fahren. In Wirklichkeit verharrt er dort in gespannter Aufmerksam­keit. Sollte sich nur der Zipfel eines Fisches oder Frosches zeigen, wird er blitzschnell mit seinem langen Schnabel ins Wasser stoßen. Doch so ge­schickt er auch ist, nicht jeder Versuch führt zum gewünschten Erfolg. Aber Geduld ist eine seiner Stärken.

   Zur vorerst dominierenden Blütenfarbe des Frühlings, dem Gelb, ist eine neue Farbe hinzugekommen. Das Lila des Wiesenschaumkrautes. Auf feuch­ten Wiesen und Weiden wächst dieser Kreuzblütler besonders reichhaltig. Doch auch an Wegrandböschungen und sogar vereinzelt auf Höhlungen in Weidenbäumen, wo sich ein wenig Humus angesammelt hat, ist er zu fin­den. Der zweite Teil seines Namens bezieht sich auf seinen kleinen Unter­mieter, die Schaumzikade, deren Larven in einer selbsthergestellten Schaumhülle oftmals an den Stängeln des Wiesenschaumkrautes kleben.

   Der Huflattich, dem es zuerst gar nicht kalt genug sein kann, so schnell muss er im zeitigen Frühjahr die Nase aus der Erde stecken, hat schon wie­der genug von der Welt und zieht sich bereits zurück. Doch da er sein Er­scheinen immer in zwei Etappen zelebriert, wird er bald mit seinen grünen Blättern aufwarten, die erst nach dem Verblühen erscheinen. Auch einer der klassischen Frühlingsboten ist die prächtige Sumpfdotterblume, die an feuch­ten Stellen am Baumberger Graben und am Altrhein wächst.

 


 

Der Steinkauz (66)
April

 

Sonne bringt Fröhlichkeit und die ganze Welt zum Leuchten, doch ein Spaziergang am Abend kann auch sehr reizvoll sein und andere Sinne fordern. Wenn sich der Tag seinem Ende nähert, ist die Erde oftmals in ein besonderes Licht getaucht. Das Wasser des Rheins trumpft dann noch einmal metallisch glänzend auf.

   Im Zwielicht ragt das lilafarbene Wiesenschaumkraut als helle Flecken über das kurze Gras, in dem etliche massive, tulpenähnliche Blätter noch zu erkennen sind. Welche Pflanze mag da wohl heranwachsen? Es ist die Herbstzeitlose, die überhaupt nicht daran denkt, jetzt auch noch zu blühen. Das hat sie schließlich schon im letzten Herbst getan. Was dort wächst, sind nur ihre grünen Blätter. Diese ungewöhnliche Verhaltensweise hat bereits in früheren Zeiten viele Menschen genarrt, und man fragte sich irritiert, warum im Frühjahr wohl „der Sohn vor dem Vater“ erscheint. Alle Teile der Pflanze sind giftig, besonders jedoch die jetzt erscheinenden Blätter und die sich im Juni öffnenden Kapseln mit den braunen Samen.

   Zwei Nilgänse nehmen eine letzte Grasmahlzeit ein und unterhalten sich leise mit schnarrenden Stimmen. Lang ist die Nacht, das wissen auch die Krähen und holen sich deshalb auf einem Acker noch rasch ein paar Würmer aus dem Boden. In der Ferne meldet sich ein Fasan zu Wort mit seinem recht misstönenden Doppelruf „gö-göck“, der die letzten Lautäußerungen von Buchfink, Zaunkönig und Amsel durchdringend übertönt.

   Einige Tauben machen noch letzte Besorgungen, ehe auch sie sich zur Ruhe begeben, und Richtung Süden fliegt ein verspäteter Kormoran, der vielleicht zum Monbag-See will, um dort die Nacht zu verbringen. Zwei Pferde knabbern geräuschvoll an einem Holzzaun und rupfen als Nachtspeise noch schnell ein paar Grashalme ab.

   In der Ferne schlägt eine Amsel harte Töne in höchstem Crescendo an. Sicherlich regt sie die schwarzweiße Katze auf, die vorhin durch die Wiesen schlich. Ein paar Fledermäuse huschen über den Himmel. Und dann ist er plötzlich zu hören, der Steinkauz, der ein Freund der Urdenbacher Kämpe ist, weil ihr alter Baumbestand ihm genug natürliche Höhlungen bietet. Erst ist ein leise klagendes „Guuhg“ zu hören, dann ein etwas ärgerliches „Kuwit“, das ihn früher zum Totenvogel degradierte, der Kranken zuruft „Komm mit!“

 


 

Rauchschwalbe und Ringdrossel (67)
April

 

Sicherlich, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, doch die Rück­kehr dieser schnellen Flieger, die ihre Insekten-Nahrung im Flug er­beuten, ist ein weiteres Zeichen für den Frühling. Im Moment sind bei Haus Bürgel und in der Nähe von Gut Blee schon Rauchschwalben zu sehen, die ihr tassenförmiges Nest aus Schlamm und Halmen nur in Gebäuden, bei­spielsweise Pferdeställen, bauen. An ihrem stark gegabelten Schwanz sind sie gut im Flug zu erkennen.

   Einen gänzlich anderen Lebensraum beansprucht die Uferschwalbe, die auch schon zurückgekehrt ist. Leider sind geeignete Bachufer fürs Brutge­schäft nicht vorhanden, deshalb nimmt sie mit Steilufern an Baggerlöchern vorlieb. Dort werden ein Meter lange Röhren mit einer kesselartigen Erweite­rung angelegt. Beide Schwalbenarten haben den Winter in Ostafrika ver­bracht und treten manchmal sogar gemeinsam den Rückflug an.

   Es regnet nicht genug! Die von Tag zu Tag zunehmende Verlandung des Tümpels in der Baumberger Aue bereitet Sorgen. Hoffentlich müssen die Wasservögel nicht wieder ihre Brut aufgeben.

   Auf den dahinter liegenden Feldern konnten wir dafür umso erfreulichere Beobachtungen machen. Nach vielen Jahren der Abstinenz haben wir endlich wieder Ringdrosseln gesehen, diese amselgroßen, tiefschwarzen Vögel mit dem blendend weißen halbmondförmigen Brustfleck. Auch die Flügelfedern sind mit akzentuierten hellen Rändern gezeichnet, die aber aus der Entfer­nung nur wie hell überhaucht wirken. Zwei Tage später entdecken wir auf einem Feld in der Nähe ein alleinstehendes Steinschmätzerweibchen auf einer Ackerscholle. Beide Arten sind bei uns leider nur Durchzügler, die es weiter in den hohen Norden zieht.

   Katastrophen im Tierreich finden meistens fernab von uns Menschen statt. Eine kleine Tragödie entdeckte ich an einer Bernsteinschnecke, deren einer Fühler von einem Parasiten befallen und dadurch unnatürlich groß war. Zur Taktik des Parasiten gehört es, durch auffallendes Pulsieren im Fühler Vögel anzulocken, die meinen, eine Larve vor sich zu haben.

   Dagegen ein rechter Augenschmaus und ein Garant für Sonne und Früh­ling ist der Aurorafalter, der seinen Namen nach der römischen Göttin der Morgenröte erhielt. Er hat teilweise leuchtend orangefarbene Vorderflügel.

 


 

Kuckuck und Halsbandsittich (68)
April

 

Einer, der noch in der Frühjahrskollektion fehlte, ist nun auch wieder aufgetaucht. Die Prägnanz seines Rufes und die unmoralische Lebens­führung haben ihn berühmt-berüchtigt gemacht. Jedes Kind kennt ihn und hat ihn schon mal im Kindergarten besungen. Es ist der Kuckuck, der lauthals und ausdauernd seine Ankunft dokumentiert und vielleicht damit schon ein paar unfreiwillige Wirtsleute in Angst und Schrecken versetzt, die sich noch ans vorige Jahr erinnern können, als er ihnen eins seiner Eier un­terjubelte. Bei seinem unredlichen Tun ist das Ehepaar Kuckuck phantastisch aufeinander eingespielt. Während er die kleinen Singvögel ablenkt, presst sie schnell ein Ei ins fremde Nest, das oftmals sogar die Farbe der darin schon liegenden Eier hat. Schlüpft der Jungkuckuck dann, wirft er als erstes im Nest alles über Bord, gesteuert durch einen angeborenen Reflex.

   Wie viele Betrüger sehen Kuckucke blendend aus in ihrer dunkelgrauen und weißgebänderten Tracht und werden gelegentlich im Flug sogar mit dem eleganten Sperber verwechselt. Das ist allerdings etwas lästig, weil sich oftmals kleine Vögel, die die Beutetiere des Sperbers sind, an ihre Fersen heften und auf sie hassen. Um den Partner in die richtige Stimmung zu bringen, versucht das Weibchen es mit Kichern, er seinerseits antwortet dann mit schnarchenden Lau­ten. Kuckucksweibchen sind total emanzipiert. Sie frönen der Vielmännerei. Da ihnen ihr Nachwuchs schnuppe ist, können sie in einer Saison bis zu 20 Eier in Kleinvogelnester legen. Wahrlich, eine feine Gesellschaft, diese Kuckucke.

   Ein Pappelfragment am Weg, besetzt mit Baumpilzen, die wie kleine Erker am Stamm wachsen, ist zum Brutplatz zweier Halsbandsittiche geworden. Es ist erstaunlich, wie diese großen Vögel mit ihrem langen Schwanz in ein Spechtloch passen. Man sieht, Raum ist in der kleinsten Hütte.

   In der aufkeimenden Saat auf einem Acker entdecken wir plötzlich un­glaublich gelbe Flecken. Es sind drei Schafstelzen im Prachtkleid. Offensicht­lich ein kleiner Männertrupp, der erst noch auf Weibchensuche gehen muss.

   In einem unwirtlichen Terrain zwischen Schotter und Schienen wächst Ackerschachtelhalm, und nicht die allseits bekannte grüne Pflanze, sondern die ziemlich kurzlebigen fahlrötlichen Sporenähren. Mit ihren steif aufrecht stehenden Stielen bilden sie einen wunderlichen Miniaturwald.

 

Ein Stück des Wegs
begeistern wieder einmal
die Feldlerchen,
wenn sie über
Feldern und Wiesen
aufsteigen und mit ihrem
fröhlichen Tirilieren
den blauen Himmel
voller Noten schreiben.

 


 

Taubnesseln und Schöllkraut (69)
Mai

 

Am Steilhang des Rheins, gegenüber dem ehemaligen Shellgelände in Monheim, wächst zwischen den ungefügen Basaltsteinen in üppigen Beständen zurzeit der gelbe Färberwaid. Es sieht bezaubernd aus, wenn der Wind durch die duftige Blütenfülle streicht. Aus Färberwaid wurde früher Indigo (blau) gewonnen und zum Färben von Stoffen verwandt.

   Überall kreuzen jede Menge Taubnesseln unseren Weg. Und nicht nur eine Art, sondern gleich mehrere. Da ist an Waldrändern die Goldnessel mit ihren schönen gelben Blüten zu sehen und die ähnlich aussehende Silberblättrige Taubnessel, deren Herkunft unbekannt ist. Vielleicht ist sie ein Gartenflücht­ling, der sich mittlerweile einen Platz in der freien Natur erobert hat. Bei der Weißen Taubnessel nennt schon der Artname die Blütenfarbe, während die Gefleckte Taubnessel rosa bis purpurrote Blüten und eine Unterlippe mit dunkler Zeichnung hat. Taubnesseln sind Lippenblütler, deren quirlartige Blütenstände in mehreren Etagen stehen. Ein etwas anderes Aussehen hat die Stängelumfassende Taubnessel, deren Name sich auf die Blätter bezieht, die den Stängel umfassen. Sie hat rosa bis karminrote Blüten, die oftmals knospenartig geschlossen bleiben und sich sogar in diesem Zustand selbst bestäuben können. Am wenigstens attraktiv ist schließlich die Purpurrote Taubnessel, die sehr häufig ist und siedlungsnahes Ödland und Gebüsche besiedelt.

   Asphaltierte Wege in der Natur sind zum Glück selten, doch manchmal kann man auf ihnen besonders gut kleine Tiere beobachten, die von einer Seite zur anderen wollen. Ein wohl drei Zentimeter langer Gekörnter Lauf­käfer präsentierte sich in voller Schönheit. Seine Flügeldecken schimmerten in der Sonne grünlich bis kupferrot und ließen Ketten ähnliche Streifen erkennen. Nur zu schnell verschwand er wieder im Gras. Man bekommt ihn nicht oft zu Gesicht, obwohl er häufig sein soll.

   An Waldrändern, doch auch auf Ödland ist das gelbblühende Schöllkraut zu finden, das zur Familie der Mohngewächse gehört. Aus Stängeln und Blättern tritt beim Abknicken ein auffallend orangegelber Milchsaft, der auch heute noch gegen Warzen Anwendung findet.

Mit Spannung wird noch
ein interessanter Vogel
im Auwald erwartet,
der sich leider von Jahr
zu Jahr rarer macht.
Wenn er in den nächsten Tagen
eintrifft, wird er wieder durch
seinen besonders klangvollen Ruf
begeistern.

 


 

Milchstern und Pusteblume (70)
Mai

 

Die einzige Explosion, die den Menschen Freude macht, ist die im Frühjahr, wenn - besonders nach Regenfällen - die Natur förmlich aus den Nähten platzt. Alles scheint dieses Jahr grüner, bunter, üppiger zu sein. Oder hat man nach der langen Winterzeit vergessen, dass es jedes Jahr immer so ist?

   Zwischen frischem Gras wächst besonders gern in etwas feuchten Wiesen der auffallende Milchstern. Bis zu zwölf Blüten stehen manchmal in einer Scheindolde zusammen. Die sechs weißen Blütenblätter haben an der Außenseite einen grünen Mittelstreifen, der gut im knospigen Zustand zu erkennen ist. Das edle Aussehen verdankt der Milchstern seiner Zugehörig­keit zur Familie der Liliengewächse.

   Im Naturschutzgebiet Baumberger Aue blüht gelb in mehr oder weniger großen Büschen die weidenähnliche, doch sehr seltene Sumpf-Wolfsmilch. Als ausgesprochene Stromtalpflanze verträgt sie nasse, bis wechselnasse Standorte. Sie kann über ein Meter hoch werden und entwickelt ein umfang­reiches Wurzelsystem. Alle Wolfsmilcharten sind stark giftig durch den in der Pflanze enthaltenen Milchsaft, der auf der Haut ätzend und im Auge sehr gefährlich wirken kann.

   Schnecken haben keinen guten Ruf. Doch die kleine Schnirkelschnecke im Garten sieht durch ihr helles Haus mit den dunklen Längsstreifen besonders hübsch aus. Beim Fressen benutzt sie ihre mit unzähligen „Zähnen“ besetzte Zunge. Wenn sie sich zum Überwintern im Herbst in den Boden gräbt, macht sie quasi die Tür hinter sich zu. Sie verschließt ihre Gehäuseöffnung mit einem Deckel aus Kalk und Schleim, der dann im Frühjahr erst wieder geöff­net wird. Was Schnecken vielfach so unsympathisch macht, ist die Schleim­spur, die sie hinterlassen. Für sie selbst ist es jedoch eine hervorragende Art, sich wie auf einer Schlinderbahn fortzubewegen. Schnirkelschnecken können bis zu acht Jahre alt werden.

   Der Löwenzahn, der vor kurzem noch manche Wiesen in ein gelbes Far­benmeer tauchte, ist in seine zweite Phase getreten, die weitaus dezenter ist. Jetzt sind die Wiesen besät mit den filigranen „Pusteblumen“, deren per­fekte Ausformung schon von jeher Bewunderung erregt hat.

Weiße Knoblauchrauke,
Beinwell von rosa bis violett,
gelbes Kreuzlabkraut, blauer Ehrenpreis:
Blumen in vielen Farben,
dazu Vögel mit vielerlei Gesängen
und Frösche mit sonorem Quaken –
die Welt der Natur gibt zurzeit
eine ihrer Galavorstellungen.

 


 

Pirol und Trauerschwan (71)
Mai

 

Endlich! Der Pirol ist wieder aus seinem Winterquartier in Ostafrika zurückgekehrt. Leider bekommt man ihn nur selten zu Gesicht. Das einzige, was er mit einer Drossel gemein hat, ist die Größe. Anson­sten ist sein Körper von atemberaubendem Gelb mit tiefem Schwarz an Flügeln und Schwanz. Als Ausgleich für seine fast unsichtbare Lebensweise teilt er uns jedoch durch melodiöses Rufen seine Anwesenheit mit. „Düdlüoh“ flötet es aus dem Wäldchen am Baumberger Graben. Und immer wieder „Düdlüoh“. Doch in den Pappeln am Altrhein in Urdenbach und im Auwald von Baumberg, wo er sonst auch siedelt, ist noch nichts zu hören. Sein Nest, das Ähnlichkeit mit einer kleinen Hängematte hat, baut er in einer Astgabel hoch oben in den Wipfeln dicht belaubter Bäume.

   Wegen seiner einprägsamen Lautäußerungen bekam der Pirol mancherlei Namen, dessen bekanntester „Vogel Bülow“ ist. Loriot, der große Humorist in der deutschen Unterhaltungslandschaft heißt eigentlich Vicco von Bülow. Sein Familienwappen ziert der Pirol, der auf französisch Loriot heißt.

   Ein gar nicht heimliches Tier ist dagegen der Höckerschwan, der schon auf Grund seiner Größe jedem auffällt. Am Tümpel in der Baumberger Aue thront er auf seinem Nest, das immer höher aus dem Wasser ragt, weil das Wasser immer mehr zurück geht. Es ist sehr groß und besteht aus groben Pflanzenteilen, die außen mit grünen Pflanzen getarnt sind. Nachdem das Weibchen bis zu acht Eier gelegt hat, wird etwa fünf Wochen gebrütet. Die Jungen sind Nestflüchter, doch erst nach mehr als vier Monaten sind sie endlich flugfähig.

   Auch bei den Schwänen gibt es „schwarze Schafe“. Überraschung unter­halb der Deichmauer in Monheim: Dort schwammen im Uferbereich des Rheins zwei weiße Schwäne in netter Eintracht mit einem schwarzen Schwan. Trauerschwäne sind in Australien beheimatet und dort sehr häufig. Ihr Schnabel ist knallrot mit einem weißen Streifen vorne. Der Hals scheint dünner und sogar noch länger als der vom Höckerschwan. Dieser hier selte­ne Vogel wird wohl aus einem Park oder Zoo ausgebüxt sein und hat mit den heimischen Schwänen Freundschaft geschlossen.


In der rheinseitigen Böschung
des alten Deiches im Monheimer Rheinbogen
wächst sehr zahlreich der Wiesen-Salbei
zwischen schlanken Gräsern.
Seine azurblauen Lippenblüten
sind in mehreren Etagen
rund um den Stängel angeordnet.
In früheren Jahren konnte er kaum
durch das ständige Mähen

seine volle Schönheit entfalten.
Sehr erfreulich, dass es
dieses Jahr mal anders ist.

 


 

Bodenbrüter und Sumpfpflanzen (72)
Mai

 

Nun ist er fast vorbei, der Wonnemonat Mai, der zum Teil sehr kühl und nass war. Doch rechtzeitig zu Pfingsten will er sein Image auf­polieren, um sich wenigstens von seiner besten Seite zu verab­schieden.

   Niedrige Temperaturen und Regen machen Pflanzen nicht viel aus, doch Wiesen- und Bodenbrüter können sehr beeinträchtigt werden. Allerdings ist es oftmals nicht nur allein das ungemütliche Wetter, sondern auch stöbernde Hunde, Beutegreifer und Menschen, die ihnen das Leben erschweren.

   Wenn der Kiebitz laut protestierend regelrechte Scheinangriffe ausführt, dann hat sich Mensch oder Tier zu sehr seinem Nest auf dem Acker genä­hert. Auch Fasane brüten am Boden, ebenfalls die mittlerweile nur noch vereinzelt vorkommenden Rebhühner und Wachteln. Die Goldammer legt ihr Nest in einer Bodenmulde unter dichtem Altgras an, und der seltene Wach­telkönig, der letzthin im Monheimer Rheinbogen sein unverwechselbares Schnarren hören ließ, ist ein ausgesprochener Wiesenbrüter.

   Zurzeit bringen Lichtnelken Farbe in die Wiesen. Am neuen Deich sind manche Flächen besät mit der Weißen Lichtnelke, die zweihäusig ist. Die verschiedenen Geschlechter kann man leicht daran erkennen, dass die Blüten männlicher Pflanzen nur Staubbeutel und die der weiblichen nur Narben haben. Ihre Blütenbar lassen sie auch nachts geöffnet und sind daher für Nachtfalter interessant. Die ähnliche Rote Lichtnelke hingegen ist weniger häufig, fällt jedoch direkt durch ihr frisches Rot ins Auge. Die fünf Blütenblätter der rosafarbenen Kuckucks-Lichtnelke sind so in schmale Zipfel gespalten, dass sie wie zerrissen aussehen. Ihren Tier-Zusatz zum Artnamen erhielt sie durch den sogenannten „Kuckucksspeichel“, den die Larven der Schaumzikade häufig an die Stängel heften. Passend zur Pflanze, die feuchte Wiesen liebt, ruft in der Ferne der listige Kuckuck.

   Dieses Jahr ist wirklich alles üppiger als sonst. Am Baumberger Graben wächst die gelbe Sumpf-Schwertlilie so zahlreich zwischen den Bäumen des Auwaldes wie nie zuvor. Als Sumpfpflanze ist sie phantastisch an wechselnde Wasserstände angepasst und hat nicht nur große Luftkammern in den Blät­tern, sondern auch Samen, die schwimmfähig sind.

 

Dieser Mai ist zum
„Monat des Aurorafalters“ geworden.
In all den vergangenen Jahren zusammen
habe ich noch nie so viele
dieser Schmetterlinge gesehen
wie in den letzten sechs Wochen.
Leider sind die Auroramännchen
derart rastlose Flieger,
dass man von Glück sagen kann,
sie einmal in Ruhe auf einer Kreuzblüte
beobachten zu können.

 



 

Specht und Star (73)
Juni

 

Neben dem Kuckuck mit seinen markanten Lautäußerungen gehört bei uns wohl auch der Buntspecht zu den bekanntesten Vögeln des Waldes. Wenn er in schneller Folge seine typischen Trommelwirbel ertönen lässt, horcht jeder auf. Zurzeit sind Spechteltern im Stress. Schließ­lich müssen sie fünf bis sieben bettelnde Schreihälse mit Raupen, Spinnen und Ameisen zufrieden stellen. In den ersten Wochen werden die Jungen in der Höhle gefüttert, doch jetzt sind manche Nestlinge schon so groß, dass die Eltern von außen die nahrhaften Insekten überreichen können. Nach drei Wochen sind die Kleinen flügge, doch werden sie noch weitere zwei Wochen von den Eltern betreut, um für ein selbstständiges Leben fit gemacht zu werden.

   Buntspechte mit ihrer Zimmermannstätigkeit sind regelrechte Wohltäter für Höhlenbrüter. So ist es nicht ungewöhnlich, wenn ein Spechtloch von ganz anderen Vögeln bewohnt wird. Unsere papageienhaften Neubürger, die Halsbandsittiche, haben schon erkannt, welche Vorteile Spechthöhlen bieten. Der Kleiber macht einfach das Spechtloch mit Lehm kleiner, so dass er gera­de noch hineinschlüpfen kann. Ebenfalls Hohltauben und Dohlen zwängen sich, wenn sie keine andere Höhlung finden, in die Altbauwohnung des Spechtes.

   Auch Stare sind Nutznießer von Spechthöhlen. Das Männchen sorgt nur flüchtig mit groben Pflanzenstängeln für den Unterbau des Nestes, doch das Weibchen polstert danach die Mulde gemütlich mit Moos und Federn aus.

   In einer teilabgestorbenen Pappel schaut aus einem Spechtloch ein grau­brauner Kopf. Ohne einen Ton von sich zu geben, blickt ein Starenjunges gebannt in eine Richtung. Dann zieht es sich ins Innere zurück. Wenige Minuten später steckt dieses oder ein anderes Junges den Kopf raus, um aufmerksam in dieselbe Richtung zu blicken. So geht das einige Male, bis das vorderste plötzlich unruhig wird. Sekunden später taucht ein Schatten auf. Vor der Höhlung landet ein Elternteil mit Futter. In der Sonne leuchten die ausgebreiteten Flügel des Altstars in blaugrünem Metallglanz und die weißen Punkte auf dem Rücken.


Der heiße Sommer voriges Jahr
und der nur mäßig kalte Winter
haben offensichtlich viele Insekten „beflügelt“.
In Scharen überfallen sie die Pflanzen draußen,
auf dem Balkon oder im Garten.
Während die Vögel ihren Nutzen daraus ziehen,
sind wir Menschen nicht so erbaut davon
So hat alles im Leben immer seine zwei Seiten.

 


 

Libellen und Storchschnabelgewächse (74)
Juni

 

Ich habe einen Plattbauch gesehen! Wer jetzt meint, das wäre eine andere Bezeichnung für den vielgerühmten männlichen Waschbrett­bauch, der irrt natürlich. Plattbauch ist eine Libelle, und zwar eine, die man ohne Schwierigkeiten gut bestimmen kann. Sie unterscheidet sich von den vielen zierlichen oder großen und schlanken Libellen durch ihren breiten und kurzen Hinterleib, der beim Männchen blau und beim Weibchen braun­gelb ist.

   Plattbauchlibellen leben an kleinen Tümpeln, doch gleichermaßen mögen sie auch Teiche in Gärten. Die Männchen sitzen gerne auf erhöhter Warte, um ihr Revier gegen Nebenbuhler verteidigen zu können. Zur Paarung nehmen sie sich nicht viel Zeit: Sie findet in der Luft statt. Die Weibchen werfen dann die Eier unter strenger Aufsicht des Männchens über flachem Wasser ab. Die daraus entstehenden Larven entsteigen nach vielmaligem Häuten ein bis zwei Jahre später dem Wasser und krallen sich an Pflanzen­stängeln fest. Dort klettern sie nach aufwändigem Verfahren als fertige Libelle aus ihrer Larvenhaut.

   Allenthalben sind Storchschnabelgewächse an Wald- und Gebüschrändern und auf Wiesen zu sehen, die ihren Namen durch die einem Storchschnabel ähnlichen Früchte erhalten haben. Interessant ist die Verbreitung der Sa­men, die mit einem Ruck in weitem Bogen weggeschleudert werden. Der häufigste ist der Stinkende Storchschnabel, der auch Ruprechtskraut ge­nannt wird. Seine rosaroten Blütenblätter haben weiße Längsstreifen. An sonnigen heißen Standorten ist er knallrot überlaufen. Der auffallendste aus dieser Familie ist bei uns der Wiesen-Storchschnabel, dessen große Blüten ein wahrhaft himmlisches Blau tragen. Arten mit sehr viel kleineren Blüten sind der Schlitzblättrige, der Weiche und der Rundblättrige Storchschnabel.

   Die Verlandung des Tümpels im Naturschutzgebiet Baumberger Aue nimmt von Tag zu Tag zu. Es ist einfach nicht genug Regen in der letzten Zeit gefallen. Bis auf eine kleine offene Wasserstelle hat eine Krautschicht den Tümpel erobert. Die anfangs so emsig brütenden Blässhühner, Enten und Gänse sind schon abgezogen. Nur noch zwei Schwäne halten die Stel­lung und versuchen, ihre Brut erfolgreich zu beenden.

 

Veränderungen durch Austrocknung
kommen in wechselfeuchten Gebieten
immer wieder vor und
sind als naturgegeben
zu betrachten.

 


 

Wolkenspiel und Skorpionsfliege (75)
Juni

 

Es ist kurz vor neun Uhr abends. Der Anpfiff zum Fußballspiel Deutsch­land gegen Holland ist vor wenigen Minuten erfolgt. Obwohl der Bild­schirm meine ungeteilte Aufmerksamkeit verlangt, wird plötzlich mein Blick wie magisch nach draußen gelenkt. Neben der nicht völlig zugezogenen Gardine versucht ein herrlicher Sonnenuntergang der Sportbegegnung die Schau zu stehlen. Nahezu zeitgleich mit unserem ersten Tor blüht der Him­mel in dem frohlockendsten Gelb, das man sich denken kann, obwohl davor immer wieder graue schleierartige Wolken segeln. Doch je mehr die deut­sche Mannschaft zu ihrem Spiel findet, desto klarer wird’s auch am Himmel. Das Grau ist nach Süden abgewandert und hat einer phantastischen Farb­ansammlung Platz gemacht, die ich endlich in der Halbzeit ungestört bestau­nen kann. In ständig wechselnden Formationen faszinieren Blutorange, lich­tes Blau, Türkis, Zartrosa und Gelb. Nach der Halbzeit ist dann unten und oben Konzentration angesagt. Am Himmel wird es immer intensiver, die hellen Farben sind verschwunden, geblieben sind Rot, Orange und dunkleres Blau. Doch plötzlich haben die Tannen vor meinem Horizont ein bedrohliches Schwarz angenommen. Und kurz darauf geschieht es. Das Ausgleichstor ist gefallen. Danach hat auch der Himmel nicht mehr viel zu sagen. Er hüllt sich in nächtliches Dunkel, doch bis zuletzt hält er noch einen kleinen hellen Streifen bereit, der wie der klassische Hoffnungsschimmer für alle Optimisten aussieht.

   Im Sommer können uns Fliegen ganz schön ärgern. Wie lästig Stubenflie­gen sind, weiß jeder, doch bedeutend unangenehmer sind diese grüngolden glänzenden Schmeißfliegen, die immer häufiger Wohnungen heimsuchen. Dagegen findet man eine interessante Art an Waldrändern, die überhaupt kein Interesse an menschlichen Behausungen hat. Es ist die Skorpionsfliege. Obwohl sie sehr häufig ist, ist sie kaum jemandem bekannt. Nicht nur der Hinterleib, der eine skorpionsschwanzartige Greifzange hat, sondern auch der Kopf weist Ungewöhnliches auf. Er ist schnabelartig verlängert und hat an der Spitze beißende Mundwerkzeuge. Die Flügel sind auffallend dunkel­braun gefleckt. Skorpionsfliegen ernähren sich von toten Insekten und dem Honigtau der Blattläuse. Als überaus raffinierte Räuber erweisen sie sich, wenn sie sogar die Beutetiere der Spinnen aus deren Netzen stibitzen.

So ist sie, die Natur.
Immer wieder gut für
kleine und große Überraschungen.

 


 

Reseda und Gilbweiderich (76)
Juni

 

Sommeranfang! Begeisternde Gedankenverknüpfungen zu Sonne, reifendem Korn und Badewetter. Doch einer spielt nicht mit, das ist der Himmel. Er gefällt sich in kühlem, unbeständigem Wetter und lässt den Sommeranfang gründlich ins Wasser fallen.

   Auch die Natur hält kurzzeitig den Atem an. Das berauschende Frühjahr mit all seiner Blütenpracht hat viel Kraft gekostet. Die früh blühenden Blu­men haben sich mittlerweile zurückgezogen und manch bunte Wiese ist bereits gemäht. Schmetterlinge machen sich rar und Vögel lassen merklich mit ihrer Sangesfreude nach.

   Doch einen Grund, Trübsal zu blasen, gibt es natürlich nicht. Trotz dunkler Wolken und Regen setzt das Rot der Mohnblumen überall fröhliche Farb­akzente in die Landschaft. Dagegen ist der Krummhals, der Ackerränder besiedelt, mit seinen kleinen blauen Blüten nicht sehr auffallend. Er gehört zur Familie der Borretschgewächse, deren Stängel und Blätter rau behaart sind. Seinen Namen erhielt er durch seine Blüten. Zieht man eine heraus, weist sie an der Kronröhre einen kleinen Knick, also einen „krummen Hals“, auf.

   Stattliche 1,50 Meter hoch kann der hellgelbe Färber-Wau, vielen besser bekannt als Reseda, werden. An Wegrändern, Dämmen oder auf Ödland ist er zu finden. Im Gegensatz zur kleineren Schwester, der Gelben Reseda mit ihren fiederteiligen Laubblättern, hat der Färber-Wau schmal-lanzettliche Blätter, die leicht gewellt sind. Der Name weist schon auf seinen Nutzen hin. Noch bis vor hundert Jahren wurde er in wärmeren Gegenden Deutschlands angebaut. Durch Kochen der getrockneten Stängel und Blätter gewann man eine Farbe, mit der man Seide lichtecht gelb bis olivgrün färben konnte.

   Auch über ein Meter hoch kann ein Primelgewächs, der Gewöhnliche Gilb­weiderich, werden. Er hasst trockene Standorte und ist deshalb an lichten Stellen im Auwald, auf Sumpfwiesen, an Gräben und Bachufern zu finden. Seine Blüten bestehen aus fünf goldgelben Blättern. Früher wurden Blätter und Blüten sowohl innerlich als auch äußerlich angewendet, doch die moder­ne Medizin fand keine Inhaltsstoffe, die die Heilung irgendwelcher Krankhei­ten beschleunigen könnte.
 

Von den Pflanzen
noch einmal zurück zum Wetter.
Trösten wir uns mit den Erkenntnissen
unserer Vorfahren:
„Wenn der Hahn kräht auf dem Mist,
ändert sich das Wetter,
oder es bleibt wie es ist.“

 


 

Distelfalter und Marienkäfer (77)
Juli

 

Ein großer blasser Schmetterling kreuzt unseren Weg, lässt sich in einiger Entfernung auf dem sonnenbeschienenen Feldweg nieder, erhebt sich bei unserem Näherkommen und zieht flatternd weiter. Auf dem Zweig eines Busches kann ich ihn schließlich beobachten. Es ist ein Distelfalter, der schwer gezeichnet ist von einem strapaziösen Weg, der ihn wahrscheinlich aus dem Mittelmeerraum bis zu uns führte. Genau wie der Admiral gehört er zu den Wanderfaltern. Die Lebensweise dieser Lang­streckenflieger ist noch nicht völlig erforscht, doch weiß man, dass sie selbst milde Winter hier in unseren Breiten nicht überstehen können. Ihre Nach­kommen, die sich im Spätsommer besonders an Fallobst gütlich tun, fliegen dann im Herbst wieder gen Süden, erreichen aber häufig durch Kälteein­brüche und verschneite Alpen nicht das angestrebte Ziel am Mittelmeer.

   Auch die allseits bekannten Marienkäfer führen ein anstrengendes Leben. Der Verhaltensforscher Vitus B. Dröscher schreibt, dass sie nach der Winter­ruhe einem rätselhaften Wandertrieb anheim fallen. Sie fliegen immer erst an die hundert Kilometer weit, ehe sie häuslich werden. Mit ihrem Bären­appetit gehören sie zu den nützlichsten Insekten im Garten, die 50 bis 150 Blattläuse am Tag vertilgen können. Sie haben wenig Feinde, denn ihre rote Farbe signalisiert anderen Tieren „Halt! Stopp! Ungenießbar!“ Hühner, die aus Versehen einen Marienkäfer verspeist haben, müssen sich vor Ekel schütteln.

   Doch nicht nur Marienkäfer sind an Blattläusen interessiert, sondern auch Ameisen, die diese wie Milchkühe halten und ihnen Zuckersaft abzapfen. Um die Ameisen zu vertreiben, setzt der listige Marienkäfer Chemie ein. Er lässt aus den Kniegelenken gelbes Blut austreten. Durch den pestilenzartigen Ge­ruch suchen die Ameisen dann schleunigst das Weite.

   Es gibt 70 heimische Marienkäferarten, die verschiedene Grundfarben und unterschiedlich viele Punkte und Flecken haben. Der bekannteste bei uns ist der Siebenpunkt, der auch als Glücksbringer gilt. Er ist wohl der einzige Kä­fer, dem Kinder und Erwachsene liebevoll erlauben, auf ihnen herumzu­krabbeln.

 


 

Mauersegler und Blutweiderich (78)
Juli

 

Allabendlich jagen sie am Himmel herum und strotzen vor purer Lebensfreude. Welch faszinierendes Bild, wenn Mauersegler ihre Flugkünste vollführen. Nach anstrengender Tagesarbeit scheinen sie sich in Gruppen zu sammeln und völlig dem geselligen Beisammensein zu frönen. Sie stürzen mit schrillen Schreien gemeinsam ab, fangen sich wieder in steilen Aufwärtsbewegungen, drehen Kreise und Ellipsen. Noch so gewag­te Kursänderungen erfolgen immer in feinster Abstimmung mit dem Nach­barn. Rasanz ist Trumpf und Zusammenstöße unausdenkbar. Sekundenlang schwellen ihre vielstimmigen Rufe zu hellem Kreischen an, dann sind sie schon wieder vorbei, bis die fröhliche Meute erneut vorbeisaust und den Ein­druck größten Vergnügens hinterlässt.

   Mauersegler sind erstaunliche Vögel. Sie verbringen ihr ganzes Leben in der Luft, wo sie sich sogar auch paaren. Nur zum Brüten werden sie kurz­zeitig sesshaft. Nach etwa 18 Tagen schlüpfen die Jungen und hocken noch sechs Wochen im Nest. Danach sind sie voll selbstständig. Mauersegler er­nähren sich ausschließlich von kleineren, fliegenden Insekten. Bei Schlecht­wetterperioden müssen sie allerdings oft hundert Kilometer und mehr flie­gen, um Nahrung zu finden. In dieser Zeit fallen die Jungen im Nest in eine Starre, doch können sie von ihren Fettreserven sogar bis zu drei Wochen ohne Fütterung überleben.

   Obwohl Mauersegler sehr anspruchslos bezüglich ihrer Bruthöhlen in Mauerritzen und Hohlräumen unter Dächern sind, verschlechtern sich zu­nehmend ihre Nistmöglichkeiten. Jedes ältere Haus, das renoviert wird, verliert seine kleinen Schwachstellen. Dadurch werden eventuelle Nischen für Mauersegler nur zu oft vernichtet.

   Auch in diesem Jahr hat er es nicht geschafft. Der Tümpel in der Baum­berger Aue ist wieder völlig trocken gefallen. Doch er lässt nicht zu, dass wir lange hadern. Als Ausgleich bietet er eine Orgie in Rot, Grün und Weiß an. Das Purpurrote sind die Blüten des Blut-Weiderichs, die in ihrer momentanen Üppigkeit dem Auge nichts zu wünschen übrig lassen. Kontrastierend dazu überzieht der blühende Wasserfenchel, der hier äußerst üppig wächst, doch sonst selten ist, mit seinen Doldenblüten wie ein zierliches weißes Geflecht den ehemaligen Tümpel.

 

Sicherlich ist es sehr schön,
wenn der Tümpel Wasser führt,
doch wir sollten lernen zu akzeptieren,
dass die Natur
ihre eigenen Regeln hat.

 


 

Knöterich und Buntspecht (79)
Juli

 

Früher stand der weiße Doldenblütler mit dem merkwürdigen Namen „Knolliger Kälberkropf“ in großen Beständen hauptsächlich am Baum­berger Rheinufer. Ich kann mich noch gut an einen Juli vor vielen Jahren erinnern, als die Pflanze dort regelrecht über sich hinaus wuchs und beidseits des Weges und in der Böschung übermannshoch einen duftigen Blütenwald bildete. Es war ein einziges Gewoge, wenn der Wind in tausend­facher Bewegung durch die weißen Dolden strich. Heute ist der Kälberkropf dort nur noch spärlich anzutreffen, dafür hat er sich aber ins Umland gewagt und ist seit einigen Jahren auch im Auwald und in der Urdenbacher Kämpe an etlichen Stellen zu finden. Wegen seiner rübenförmig verdickten Wurzel, die essbar ist, wurde er früher manchmal angebaut. Vorsicht ist allerdings bei dieser Pflanze geboten, da sie mit dem ähnlich aussehenden, doch sehr giftigen Schierling verwechselt werden könnte.

   Wenn in den wenigen lichten Momenten dieses regnerischen und kühlen Julis die Sonne hervorkommt, dann wirkt das auf uns wie eine kleine Bele­bungsspritze, doch auch gleichermaßen auf manche Tiere. Viele Tagfalter sind ausgesprochene Sonnenanbeter und machen sich bei schlechtem Wetter weitestgehend unsichtbar. Eine der Ausnahmen bildet der Kohlweiß­ling, der jederzeit zu seinem Schaukelflug über Pflanzen bereit ist.

   An einigen Stellen an Altrhein und Baumberger Graben hat sich der Japa­nische Knöterich wieder mit seinem ungeheuren Wachstum breit gemacht. Er duldet keinerlei andere Pflanze neben sich und ist dabei, Jahr für Jahr sein Territorium zu erweitern.

   Ein kurzer Ruf lässt uns aufhorchen, und schon fliegen zwei Schatten forsch an uns vorbei und steuern den nächsten Baum an. Es sind jugendliche Buntspechte, die gut an ihrem roten Scheitel zu erkennen sind. Männliche Tiere, die älter sind, haben nur noch einen roten Nackenfleck, und dem Weibchen fehlt sogar jegliches Rot an Scheitel und Nacken. Ob die beiden forschen Kerlchen schon ganz selbstständig waren, ließ sich nicht erkennen, denn nach ihrer Nestlingszeit von drei Wochen werden sie draußen noch zwei weitere Wochen von den Eltern betreut.

 


 

Pastinak und Wegwarte (80)
Juli

 

Wandert man vom Monheimer Deich kommend in Richtung Baumberg, so fallen oben an der Straßenböschung zum Rhein hin Blumen in einem anmutigen Farbgemisch auf. Gelb sind Königskerze, doldenblütiger Pastinak und Rainfarn. Letzterer legt großen Wert darauf, nicht mit dem „Rhein“ in einen Topf geworfen zu werden. Er ist ein an Wegen und Feldrainen häufig anzutreffender Korbblütler, der aroma­tisch duftende farnähnliche Blätter hat und manchmal gern getrocknet zur Mückenabwehr benutzt wird.

   Weiß ist der Einjährige Feinstrahl, dessen Blüten Ähnlichkeit mit einem hochgewachsenen Gänseblümchen haben. Weiß ist auch die Schafgarbe, ebenso die Wilde Möhre, die in der Mitte der Dolde überraschenderweise eine einzelne blutrote Blüte hat. Nicht nur das ist ungewöhnlich, auch ihr Verhalten nach dem Verblühen. Wie ein Vogelnest sieht die Dolde aus, wenn sich ihre mit Stacheln besetzten Früchtchen nach oben zusammenkrümmen.

   Und dann kommt das Blau, das himmlische, heitere Blau der Wegwarte. Gar manchen hat es schon dazu verleitet, die Pflanze abpflücken zu wollen, um mit dieser Pracht das Heim zu schmücken. Doch das sollte man lieber bleiben lassen. Denn so herrlich zart die Blüten aussehen, so hart und zäh ist ihr Stängel. Die Wegwarte widersetzt sich standhaft dem Wunsch, so en passant von Spaziergängern mitgenommen zu werden. Ihre auffallende Schönheit verhalf ihr zu unzähligen Namen und Attributen. Eine besonders schöne Bezeichnung ist „Braut der Sonne“, weil sie ihre Blüten erst bei Son­nenaufgang öffnet, und altertümlich ausgedrückt, sagte man von ihr „die nach dem Weg der Sonne am Himmel Ausschauende“. Schon im Altertum war sie eine beliebte Heilpflanze, doch heute wird sie nur noch wenig bei Magen- und Gallenleiden oder Fieber angewendet.

   Gar mancher kennt die Wegwarte besser unter dem Namen Zichorie und kann sich noch daran erinnern, dass in der knappen Zeit aus ihren gerös­teten Wurzeln Kaffee-Ersatz hergestellt wurde. Bereits Friedrich der Große förderte ihre Verwertung, was dem daraus entstehenden Getränk den Namen „Preußischer Kaffee“ eintrug. Erstaunlicherweise säumt die sonst an vielen Stellen so üppig Blühende dieses Jahr nur recht spärlich die Wege.

 


 

Rainfarn und Springkraut (81)
Juli

 

Es ist Ende Juli. Die Natur hat schon so manche Pflanze verabschiedet, von der nur noch der trockene Fruchtstand zu sehen ist. Andere Pflanzen wiederum stehen jetzt gerade im Zenit ihrer Blüte und lenken unseren Blick in ihre Richtung. Werden und Vergehen liegen so dicht beieinander, dass oftmals nur durch genaues Hinschauen das Neue zwischen Altem entdeckt werden kann.

   Nicht so ist dies an der Rheinuferpromenade von Baumberg und dem anschließenden Weg bis zum Campingplatz. Dort macht es uns die Natur im Moment leicht und wartet mit einer Vielzahl von Pflanzenarten und Farben auf, dass es sich lohnt, an manchen Stellen ein wenig zu verweilen.

   Auf dem Weg zum Rheinufer hat sich rosa Acker-Winde mit weißer, groß­blütiger Zaunwinde vermählt. An der Böschung ziehen die zierlichen gelben und weißen Blüten des Steinklees wie magisch dunkle Hummeln mit rost­roten, pelzigen Hinterleibern an, die emsig Pollen an ihren Hinterbeinen sammeln. Doldenblütler wie Wilde Möhre, Wiesen-Bärenklau und Knollen-Kälberkropf haben vielfältigen Besuch von schmalen Rotgelben Weichkäfern, die sich räuberisch von anderen Insekten ernähren und zur Paarungszeit als Doppeldecker auftreten.

   Der Sumpf-Ziest hat blasse rotbraune Blüten, die Vogel-Wicke blaue und der Dost, der auf lateinisch Origanum vulgare heißt, sieht durch seine pur­purn und fleischfarbenen Blüten wie meliert aus. Die Bunte Kronwicke, die sonst sehr häufig dort zu finden ist, macht sich dieses Jahr etwas rar, dafür wächst das Gemeine Seifenkraut, das ein Nelkengewächs ist, an vielen Stel­len sehr zahlreich. Verschiedentlich fallen die Korbblütler Wiesen-Flocken­blume und Wasserdost ins Auge. Das Kanadische Berufkraut ist trotz der Vielzahl seiner winzigen weißen Blüten ein sehr unscheinbares Gewächs. Ganz gegenteilig präsentiert sich das Indische Springkraut, das üppige weißliche, rosa bis knallrosa Blüten hat. Es hält für Groß und Klein einen Spaß bereit. Berührt man seine keulenförmigen Früchte, schnellen die Samen in weitem Bogen heraus.

   Dann gibt es noch zu sehen: Gelbe Luzerne, Nacht- und Königskerze, Blut-Weiderich, Johanniskraut, Schafgarbe, Europäische Seide, Rainfarn, Beifuß und, und, und.

 

Als Rarität kann der gelbe Korbblütler
Wiesen-Alant bewundert werden,
der im Gebiet selten ist und
bitte nicht abgepflückt werden sollte.
Wiesen- und Feldblumen haben in Vasen
nur eine geringe Lebensdauer,
könnten aber draußen noch vielen
anderen Menschen Freude bereiten.

 


 

Eisvogel und Prachtlibellen (82)
August

 

Endlich ist es Sommer, doch heute hat sich die Sonne hinter einer flächendeckenden Wolkenschicht versteckt und die Erde in eine teigige Schwüle getaucht. Vögel und Menschen scheinen ein bisschen lethargisch. Nur ein Buntspecht auf einem toten Ast lässt während der Gefiederpflege manchmal seine durchdringenden abgehackten Laute erklingen. Im Naturschutzgebiet Baumberger Aue erfreuen noch immer sehr große Bestände von Blutweiderich das Auge. Rohrkolben hat dunkelbraune Kolben gebildet und sich unter das Schilf gemischt. Ein Stück weiter ist der Rodelberg von einer ungewohnten Blütenpracht überzogen. Schafgarbe und Rainfarn haben große Flächen erobert. Dazwischen stehen Jakobsgreiskraut, Wegwarte und Johanniskraut.

   Noch etwas weiter begrüßt uns am Baumberger Graben der Eisvogel, doch nur kurz leuchten Rücken und Flügel in einer blauen Farborgie auf, dann ist er schon wieder verschwunden.

   Auf dem mit Bäumen gesäumten Dammweg zwischen Baumberg und Urdenbach staut sich die Luft. Nur hin und wieder gibt er den Blick frei auf gemähte Wiesen in den Bürgeler Auen.

   Dominierende Pflanze rundum ist das Drüsige oder Indische Springkraut, das in Farbvariationen von weißlich über rosa bis dunkelviolett schwelgt und sich an manchen Stellen waldähnlich ausgebreitet hat. Und wieder bezau­bern die Blüten des orangefarbenen Springkrauts, das ein Neubürger ist und erst 1998 in diesem Gebiet entdeckt wurde. Es hat noch keinen deutschen Namen und heißt auf lateinisch Impatiens capensis.

   Auch wieder zu sehen sind die wunderbaren Gebänderten Prachtlibellen. Erst beobachteten wir einige am Baumberger Graben und dann einen an­deren Trupp am Altrhein. Metallisch blaugrün leuchtet der langgestreckte Körper der Männchen und die Flügel haben ihre charakteristische dunkle Binde. Die Weibchen dagegen sind sehr unscheinbar mit ihrem messing- bis bronzefarbenen Leib und den durchsichtigen Flügeln, die nur einen schlich­ten weißen Punkt im hinteren Teil haben.
 

Unerschöpflich ist die Natur
in ihrer Vielfalt,
dass bei aufmerksamen
Beobachtern
nie die Kunst
des Staunens erlahmt.

 


 

Stoppelfelder und Jelängerjelieber (83)
August

 

Wie goldgelb das Stoppelfeld in der Sonne leuchtet! Ein Landwirt im Langenfelder Westen ist gerade dabei, mit seinen Geräten das sauber in Reihen liegende Weizenstroh zu Ballen zu pres­sen. Der Rhythmus in der Natur erinnert uns an die periodische Vergänglich­keit allen Wachsens. Doch längst hat der Sommer noch nicht sein Pulver verschossen. Überall liegen Blühen und Samenbildung eng beieinander. Beim Schmalblättrigen Weidenröschen, das auch Stauden-Feuerkraut genannt wird, ist das besonders auffallend. Während es üppig blühend Gebüsche, Wald­säume und Ödland rotviolett veredelt, sind seine schotenartigen Früchte an vielen Stellen schon aufgeplatzt und geben einen unordentlichen Wust von hellen Fäden frei. Das sind die Flughaare an den Samen, die es ihnen ermög­lichen, mit dem Wind zu segeln und sich weit entfernt auf allerlei Böden anzu­siedeln. Auch das Kleinblütige Weidenröschen frönt derselben Taktik und er­dreistet sich sogar, in Blumenkästen auf Balkons Fuß zu fassen.

   Wer kennt es nicht, das Klettenlabkraut? Vielleicht nicht mit Namen, doch Bekanntschaft hat wohl schon mancher mit ihm gemacht. Spätestens dann, wenn man von einem Spaziergang nach Hause kommt und feststellt, dass eine Menge grüner Kügelchen an den Socken hängt. Die weißen Blüten dieses Labkrauts sind nur wenig auffallend, doch nachhaltig bekannt macht es sich durch seine Früchte, die sich mit hakig gebogenen Haaren gern an Strumpf und Hose festkrallen. Das ist natürlich gar nicht im Sinne der Pflanze, die es lieber hätte, wenn die Früchte bei wildlebenden Tieren im Fell hängen blieben, wo sie weitergetragen und irgendwo draußen wieder abgestreift würden. Vermehrung auf jedwede Art, das ist das Ziel in der Natur.

   Immer wieder Überraschungen! Durch ein Gebüsch am Wegrand fallen im Halbdunkel des Knipprather Waldes leuchtend gelbe Flecken auf. Neugierig nähere ich mich der Stelle und entdecke Hain-Greiskraut, das ein Korbblütler ist und im Gebiet selten vorkommt.

   Ein wenig weiter fällt eine einzelne weiße Blüte auf, die sich im buschigen Unterholz nach oben windet. Es ist das Geißblatt, das wegen seiner sonder­baren Blütenform auch bei Gartenfreunden beliebt ist, dort allerdings besser bekannt unter dem Namen Jelängerjelieber.

 


 

Möwen und Grünes Heupferd (84)
August

 

Ein erstaunliches Bild bei Haus Bürgel. Schon von weitem beobachten wir, dass sich um den riesigen Baukran herum ein größerer Vogel­schwarm tummelt. Beim Näherkommen sehen wir zu unserer Über­raschung, dass es Mehlschwalben sind. Viele sitzen auf den Seilzügen und auf dem Gestänge des Baugeräts, andere bewegen sich mit ihren charakte­ristischen schnellen Flügelschlägen und dem anschließenden kurzen Gleiten in der Luft. Während die Mauersegler schon seit ein paar Wochen die Reise ins südliche Afrika angetreten haben, sammeln sich Mehlschwalben zum Rückflug eigentlich erst im September und Oktober. Und jetzt dies! Zu was für einem Treffen mögen sich zweihundert, wenn nicht sogar dreihundert Mehlschwalben auf Haus Bürgel zusammen gefunden haben? Wenn man das immer so genau wüsste!

   Genau so überraschend war ein riesiger Vogelschwarm am Rhein. Dort flogen wohl an die vierhundert, fünfhundert Möwen in kleineren und größe­ren Gruppen, gingen auf dem grauen Wasser nieder und ließen sich mit der Strömung als helle weiße Flecken rheinabwärts treiben.

   Weniger auffallend, doch viel näher zu betrachten war ein Grünes Heu­pferd, das sich an einem Grashalm empor hangelte. Mit einer Größe von etwas über vier Zentimetern gehört es zu den größten unserer Heuschre­cken. Wie sein Name schon andeutet, ist es wirklich unwahrscheinlich grün, nur auf dem Rücken ist es braun. Das Grüne Heupferd lebt in Gärten, Getrei­defeldern und an sonnigen Wegrändern. Es ist wenig bekannt, dass es Flie­gen, Raupen und Larven verzehrt und deshalb zu den nützlichen Gartenbe­wohnern zählt. Nach der Paarung versenkt das Weibchen seine Eier mit dem Legebohrer einzeln oder in kleinen Gruppen ins Erdreich. Dort entwickeln sie sich in zwei bis fünf Jahren zu Larven, die sich sechsmal häuten, ehe sie voll erwachsen sind.

   Besonders hübsch sieht es aus, wenn sich das Grüne Heupferd unbeab­sichtigten Kontakten mit Menschen entzieht und mit gemächlichen Bewe­gungen der grünen Flügel ein Stück weiter fliegt. Dann fühlt man sich ins Märchenland versetzt und meint, eine von diesen schwebenden Elfen ge­sehen zu haben.

 


 

Von Wasserläufern und Hausmüttern (85)
August

 

Da haben sich schmale, etwa anderthalb Zentimeter lange Tiere zu Dutzenden auf einem stehenden Gewässer im Langenfelder Land­schaftspark Fuhrkamp zusammengefunden. Es ist faszinierend, diesen Wasserläufern zuzusehen, die zu den Landwanzen gerechnet werden und ihrem Namen alle Ehre machen. Wie Schlittschuhläufer sausen sie übers Wasser und hinterlassen mit den Fußenden ihrer langen Beine nur kleine Vertiefungen auf der Oberfläche. Es sieht so aus, als tanze dort ein Ballett nach eigenen Regeln, das fortwährend von seinem Spiegelbild im stillen Wasser als schwarzer Schatten begleitet wird.

   Wasserläufer sind viel in Bewegung, doch wenn sie einen Schnellspurt einlegen, dann haben sie ins Wasser gefallene Insekten entdeckt. Sie fangen diese mit den Vorderbeinen, vergiften sie mit Speichel und saugen sie aus.

   Sehr auffallend in diesem als Ausgleichsfläche von Düsseldorf angelegten Landschaftspark sind die Sonnenblumenstrecken. Auch das Feld mit der wunderbaren, leider nicht heimischen bunten Blumenmischung erregt viel Bewunderung. Dem Burbach wurde in diesem Teilstück wieder ein natür­licherer Verlauf zugestanden, was unter anderem den Zweizahn veranlasste, sich dort anzusiedeln. Er ist von der Höhe her eine stattliche Pflanze, die jedoch wenig ins Auge fällt. Seine Blüten sehen auf den ersten Blick immer wie verblüht aus, weil ihnen meistens die gelben zungenförmigen Rand­blüten, die Korbblütler so attraktiv machen, fehlen. Seinen Namen erhielt er von den zwei großen Grannen der Frucht, die mit Zähnen verglichen werden.

   Hört man von einer Hausmutter, denkt man unwillkürlich an eine arbeit­same Frau, die gut wirtschaften kann. Neulich war eine Hausmutter bei mir zu Besuch, doch statt jetzt meinen Haushalt zu schmeißen, flog sie nur an der Scheibe auf und ab. Meine „Hausmutter“ war nämlich nur ein Nachtfal­ter, der zur Familie der Eulenfalter gehört. Wenn die Hausmutter in Ruhe­stellung ist, sind die braunen bis beigen Vorderflügel zu sehen, doch wenn sie flattert, kommen schöne orangegelbe Hinterflügel mit einem dunklen Saumband zum Vorschein. Ihren Namen erhielt sie durch ihre Vorliebe, sich gerne in Wohnungen aufzuhalten, wo man sie dann so manches Mal nach Monaten beim Reinemachen an irgendeiner versteckten Stelle leider tot wiederfindet.

 


 

Wolken und Gauchheil (86)
September

 

Die Griechen überzogen zum Abschluss der Olympischen Spiele den Himmel über Athen mit einer Orgie aus Licht und Farbe. Einen Tag später zeigte der Himmel in unserer Region, dass er auch etwas zu bieten hat und fähig ist, Menschen in seinen Bann zu ziehen - und noch dazu völlig kostenlos. Am Horizont spannte sich von West nach Nord ein breites grünlich-blaues Band, das eine ungeheure plastische Intensität ausstrahlte. Darüber reflektierten zarte Wolkengebilde die untergegangene Sonne und ließen sie in gold und orange aufleuchten. Noch weiter oben mischten sich schließlich die Farben mit hellgrauen Wolken, die ein leichter Wind gemäch­lich zu immer neuen Bildern abstrahierte. Einige Mehlschwalben waren un­terwegs, um schnell noch eine Nachtmahlzeit zu sich zu nehmen. Sie hoben sich im Flug schwarz wie Scherenschnitte gegen den farbigen Himmel ab. Doch plötzlich pirschten sich von Süden unbarmherzig Regenwolken heran und deckten Zug um Zug die Traumbilder mit unattraktivem Grau zu.

   Und immer wieder geht’s zurück zur Erde. Jetzt ist die Zeit, in der Pflanzen sichtbare Früchte tragen; dann allerdings ist der Herbst auch nicht mehr fern. Für die Meteorologen ist er schon da, doch kalendarisch beginnt er erst in ein paar Wochen. Die Brombeerpflücker waren fleißig unterwegs und ha­ben gute Beute gemacht. Schlehen sind schon erstaunlich groß, die Hage­butten nahezu reif und von den Apfelbäumen lachen rotbackige Äpfel.

   Einige Felder konnten wegen des Regens noch nicht abgeerntet werden. An ihren Rändern stehen noch ein paar Mohnblumen, und wenn man genau hinschaut, entdeckt man am Boden eine kleine Blume mit zinnoberroten Blüten. Es ist der Acker-Gauchheil, der in diesem Jahr noch nicht viel zu lachen hatte. Er öffnet nämlich seine Blüten nur bei Sonnenschein und schließt sie bereits wieder am frühen Nachmittag. Daher bekam er auch den Namen „fauler Knecht und faule Magd“. Er gehört zur Familie der Primel­gewächse. Um diese Pflanze rankt sich eine Vielzahl von Geschichten. In Schlesien hieß sie unter anderem Krähenseife, weil sie reich an Saponin ist und in Wasser schäumt, oder gar Feuerblume, die, wenn sie ausgerissen wird, verursacht, dass im nächsten Haus ein Brand ausbricht.

   Wir jedoch können unbelastet von derlei abergläubischem Wissen den Acker-Gauchheil wegen seiner zierlichen roten Blüten bewundern.

 


 

Fetthenne und Halsbandsittiche (87)
September

 

Zu den recht spät im Jahr blühenden Pflanzen gehört die Purpurrote Fetthenne. Am Baumberger Rheinufer fangen einige gerade erst an, ihre Blüten zu entfalten. Sie müssen für Bienen ein regelrechter Leckerbissen sein, denn sie können sich gar nicht genug tun, in dem dolden­artigen Blütenstand, der aus einer Vielzahl kleiner Blüten besteht, nach Nek­tar zu suchen. So ein guter Nahrungsspender ist in der blütenärmeren Zeit sehr willkommen.

   Bienen sammeln für den Winter Vorräte, denn die Arbeiterinnen sorgen dafür, dass die Temperatur im Stock nicht unter 15 Grad sinkt. Wenn es zu kalt wird, erhöhen die am Traubenrand sitzenden Bienen durch heftiges Flügelschlagen und Hinterleibsschütteln die Temperatur. Mit Hilfe der Vorräte fungieren sie dann wie kleine Heizöfen.

   Eine recht häufige und interessante Pflanze auf Unkrautfluren und Schutt ist der Kompass-Lattich, der bis anderthalb Meter hoch werden kann und doch von seinen gelblichen Körbchenblüten her ziemlich unscheinbar ist. Dagegen fallen seine Blätter mehr ins Auge. Sie sind blaugrün, manchmal ungeteilt, manchmal fiederspaltig und an der Mittelrippe der Unterseite stachlig. Sie haben sich an den Tagesablauf der Sonne angepasst und rich­ten sich so nach dem Licht aus, dass sie es möglichst effektiv nutzen kön­nen. Mittags jedoch schützen sie sich vor zu starker Sonneneinstrahlung und richten ihre Blätter fast senkrecht aus.

   Nicht zu überhören in Baumberg und um den Schützenplatz in Monheim herum sind die Halsbandsittiche, die durch ihre durchdringenden hellen Rufe aufhorchen lassen. Manchmal entdeckt man die grünen Gesellen in hohen Bäumen und manchmal sind sie zu mehreren in pfeilschnellem Flug unter­wegs.

Auch immer noch unterwegs sind die nimmermüden Kleinen und Großen Kohlweißlinge. Sie jedoch flattern gemächlich übers Grünland und sind auf der Suche nach blühenden Pflanzen, die leider von Tag zu Tag weniger werden.

 


 

Erzengelwurz und Helmkraut (88)
September

 

Jedes Mal entdecke ich auf meinem Lieblingsweg, dem Dammweg zwi­schen Baumberg und Urdenbach, Pflanzen, die ich Ihnen noch nicht vorgestellt habe. Am Altrhein fällt besonders ein hochwüchsiger Dolden­blütler auf, der zur Zeit zwar nicht mehr blüht, doch durch die Vielzahl seiner kräftigen Früchte die Blicke auf sich zieht. Es ist die Wald-Engelwurz, die nur noch selten als Heilpflanze dient. In der Eifel nannte man sie früher „Läus­kraut“, weil man aus den Samen Pulver bereitete, das gegen Läuse helfen sollte.

   Die edle Schwester der Wald-Engelwurz ist die Echte Engelwurz, die auch heute noch als Heilpflanze Verwendung findet. Eine einzelne Pflanze fand ich vor einigen Jahren am Baumberger Rheinufer, die leider irgendwann Pflegearbeiten zum Opfer fiel. Man nennt sie auch Erzengelwurz. Der Sage nach hat der Erzengel Raphael auf die heilsamen Kräfte der Pflanze hinge­wiesen. Mit ihr versuchte man, die Pest abzuwehren, was in manchen Ge­genden fast zur Ausrottung der Pflanze führte. Zerreibt man ihre Blätter zwischen den Fingern, entströmt ihnen ein aromatischer Geruch. Die Wur­zeln werden heutzutage noch unter anderem bei der Bereitung von Bene­diktinerlikör verwendet. Vorsicht ist bei beiden Engelwurzarten geboten. Ihr Pflanzensaft kann, genau wie der der Herkulesstaude, auf der Haut bei Licht­einfall Entzündungen hervorrufen.

   Ganz klein und nur durch Zufall zu entdecken ist das Sumpf-Helmkraut. Es ist ein Lippenblütler mit blauvioletten Blüten, die in den Blattachseln sitzen. Erfreulicherweise hat es sich am Baumberger Graben von unten die Bö­schung hinauf bis zum Weg gewagt, wo es emsig dabei ist zu blühen. Hin­sichtlich der Pflanzennamen ist in der Botanik immer Phantasie angesagt. So soll der Kelch, der nach der Blüte stehen bleibt, wie ein Helm aussehen.

   Ist die Elster Schuld, dass die Vögel in dieser Jahreszeit nicht mehr singen? Sehr häufig taucht diese Frage auf. Die Elster mag allerhand Dreck am Ste­cken haben, doch hier wird sie zu Unrecht verdächtigt. Vögel singen nämlich hauptsächlich nur in der Brutzeit, wo sie fortwährend gegenüber Nebenbuh­lern ihren Anspruch auf ihr Revier anmelden. Es bleibt uns nichts anderes übrig, wir müssen bis zum Frühjahr warten, um wieder in den Genuss der Vogelkonzerte zu kommen.

 


 

Schwalben und Flohknöterich (89)
September

 

Der Sommer ist zu Ende, doch solange noch so hin und wieder ein paar Schwalben zu sehen sind, weigern wir uns, dies einzusehen. Auf den Rheinwiesen am alten Deich bei Gut Blee tummeln sich die Bachstelzen ganz ungeniert zwischen den Hufen von Pferden. Ihnen kommt es zupass, dass die Rösser mit jedem Schritt irgendwelche Insekten auf­scheuchen, die dann leichte Beute für sie sind. Unter diesen schwarzweißen Vögeln mit dem wippenden Schwanz sind auch einige Schafstelzen, deren Bauch schon nicht mehr so leuchtend gelb ist wie in der Brutzeit. Auf ihrem weiten Weg nach Süden haben sie kurz Station bei Gut Blee gemacht. Bach­stelzen hingegen sind nur Teilzieher und wandern erst bei kalten Tempera­turen immer ein Stückchen südlicher.

   Noch ein weiterer Durchzügler präsentierte sich uns aufs Feinste: der Steinschmätzer. Erst sahen wir einen, dann war da sogar noch ein zweiter auf einem Weidezaun am Rhein, von wo beide immer wieder ins Grünland auf Futtersuche flogen. Sie kommen aus dem hohen Norden und durchque­ren unser Gebiet nur auf ihrem Weg gen Süden.

   Ein etwas unscheinbarer Lippenblütler blüht zurzeit noch an feuchten Stellen: der Gemeine Wolfstrapp. Er hat sehr kleine weiße Blüten, die dicht um den Stängel in den Blattachseln stehen. Er wird mancherorts auch Wolfs­fuß oder Wolfsbein genannt, was sich offensichtlich auf die tief gesägten Blätter bezieht. Trappe sagte man früher zu einem plumpen, großen Fuß, zu einer Tatze.

   Auch sehr unscheinbar, doch an feuchten Stellen oftmals recht häufig anzutreffen ist der Wasserpfeffer, ein Knöterichgewächs. Seinen Namen erhielt er, weil er getrocknet und pulverisiert als Pfefferersatz gebraucht wurde. Man vermutet sogar, dass schon in prähistorischer Zeit die Samen zum Würzen der Nahrung dienten.

   Der dem Wasserpfeffer sehr ähnliche Flohknöterich, der überall auf Äckern und Wildkrautfluren wächst, hat beispielsweise rostrote bis schwärzliche Flecken auf den Blättern, was als Indiz für seine blutstillende Wirkung ge­wertet wurde. Doch der Wasserpfeffer findet auch heutzutage noch bei Blutungen, Bronchitis und mancherlei anderen Beschwerden Anwendung.

 

Die Signaturlehre spielte im Mittelalter
in der Botanik eine große Rolle.
Es konnte heißen, dass man eine Pflanze
mit gelben Blüten für wirksam
gegen Gelbsucht hielt oder eine,
die nierenförmige Blätter hatte,
gut gegen Nierenleiden.
Der moderne Mensch hingegen
hält die Signaturlehre
für eine Irrlehre.

 


 

Turmfalke und Herbst-Zeitlose (90)
September

 

In der neuen Anpflanzung am Baumberger Rheinufer stehen eine Menge junger Bäume mit Stützpfählen. Alles, was etwas über den Boden ragt, wird gerne von Vögeln als Sitzwarte genommen. Ich entdeckte ein un­mögliches Duo, das in geringem Abstand auf gleicher Höhe einträchtig auf jeweils einem Pfahl saß. Es waren ein auffallend schwarzweißer Vogel und ein gut getarnter: eine Elster und ein Turmfalke. Als ich stehen blieb, um dieses ungewöhnliche Bild näher zu betrachten, machte sich die aufmerk­same Elster direkt aus dem Staub. Der Turmfalke blieb seelenruhig sitzen, dass ich ihn ausgiebig mit dem Fernglas beobachten konnte. Ein paar un­erwartete Sonnenstrahlen ließen sogar die helle Brust mit den dunklen Strichen, die gelben Füße, einen Teil der schönen rostbraunen Flügel und den grauen Kopf, der ihn als Männchen ausweist, aufleuchten. Doch plötzlich kam Bewegung in den stoisch sitzenden Greifvogel. Er schoss nach unten, tauchte mit Beute in den Fängen wieder auf und flog weg, um irgendwo in Ruhe die Maus kröpfen zu können.

   Jedes Jahr, wenn alle möglichen Pflanzen schon verblüht sind, dann scheint auf einigen Wiesen in der Urdenbacher Kämpe der Frühling ausge­brochen zu sein. Plötzlich sind sie übersät mit rosa Tupfen. Es sind die Herbst-Zeitlosen, diese erstaunlichen Blumen mit ihren ungewöhnlichen Verhaltensweisen. Entzückt sieht man, wie zwischen dem vom letzten Schnitt noch kurzen Gras sie sich mit langen weißen stielähnlichen Röhren erheben, an deren Enden sechs schöne hellrosa bis zartlila Blütenblätter stehen. Die Verwechslung mit Krokus kommt nicht von ungefähr, sehen sie ihnen tatsächlich auf den ersten Blick sehr ähnlich. Doch während der Krokus sehr früh im Jahr blüht und gleichzeitig grüne Blätter hat, lässt sich die Herbst-Zeitlose bis zum darauf folgenden Frühjahr Zeit, um Blätter und Samen zu entwickeln. Man kann nicht umhin, immer wieder an die alte Geschichte zu denken, wonach unsere Vorfahren sich sehr irritiert fragten, warum wohl „der Sohn vor dem Vater“ erscheint.


Wie die Pflanze funktio­niert,
das haben die Wissenschaftler heraus gefunden,
doch weshalb die Herbst-Zeitlose
sich so anders verhält als alle anderen,
das wird wohl für immer
das Geheimnis der Natur bleiben.

 


 

Abschied von „Natürlich“

 

Voriges Jahr im Januar 2003 schrieb ich die erste Folge von „Natürlich“ für die Lokalredaktion Langenfeld/Monheim der Rheinischen Post und dann jede Woche eine neue. Jetzt nach der 90. möchte ich mich für eine Weile verabschieden. Es hat mir immer sehr viel Spaß gemacht, von den natürlichen Dingen auf den Spaziergängen ringsum zu erzählen, die oftmals nicht sofort zu erkennen oder zu bestimmen waren.

   Fernglas, Fotoapparat und Bestimmungsbücher haben mich deshalb stän­dig begleitet – und natürlich mein Mann, der mich auf viele Vogelarten auf­merksam machte. Der Botaniker hat seine Nase fast immer am Boden, weil dort die interessanten Pflanzen wachsen, doch des Ornithologen Blick ist in die höheren Sphären gerichtet, dort wo die Vögel in den Bäumen sitzen oder am Himmel fliegen. So haben wir uns bei den Beobachtungen immer gut er­gänzen können.

   Bedanken möchte ich mich bei Redakteur Thomas Gutmann von der Rheinischen Post, der die Serie angeregt hat und offensichtlich damit eine „Marktlücke“ entdeckte, denn im Laufe der Monate haben sich viele Leser mit Zuschriften, Telefonaten und Gesprächen an mich gewandt und, wo Ortsbestimmungen angegeben waren, den Spaziergang nachvollzogen. Manche riefen mich an, um ihrerseits von interessanten Erlebnissen in der Natur zu berichten.

   Ich selbst habe in dieser Zeit viel dazu gelernt, weil ich alles bedeutend intensiver betrieben habe als zuvor. Die vielen Bestimmungsbücher, die sich im Laufe von mehr als zwanzig Jahren Interesse an der Natur bei uns ange­sammelt haben, sind zum Recherchieren sehr wichtig gewesen. Besonders Vogel- und Pflanzenbücher habe ich gewälzt, doch auch solche über Schmet­terlinge, Käfer, Kriechtiere und so manches andere Tier. Zu Hilfe kam mir oftmals auch mein Stereomikroskop, das in zehn- bis zwanzigfacher Ver­größerung die Wunderwelt der Pflanzen noch in einer anderen Dimension, dem Detail, erschloss. Für unterwegs leistete die Botanikerlupe, die fünffach vergrößert, gute Dienste.


Ich möchte mich bei allen Lesern,
die die Streifzüge durch die Natur
mit Interesse verfolgt haben, bedanken.
Weiterhin viel Freude an der Natur
wünscht Ihnen

Ihre Ingrid Knebel
9. Oktober 2004


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