Die Urdenbacher Kämpe
Von Ingrid Knebel

 

Wanderer, kommst du nach Haus Bürgel,
so verweile auch in den Feldern,
schließe die Augen
und öffne deine Sinne.
Dann öffne die Augen und
nimm die Wunder der Natur wahr.

 

Ein Sonntag in der ersten Dekade des Juni. Die Sonne kitzelt angenehm auf meinen geschlossenen Augenlidern und läßt alles rot erscheinen. Ich höre einen Kuckuck in der Ferne rufen und die Lerchen um die Wette tirilieren. Tirilieren... Welch ein Wort! Ein Dichter muß es gewesen sein, der es erfand. Es klingt wie Sonnenschein und Lebensfreude. Plötzlich jedoch ertönt ein anderer Laut. Es ist der katzenartige Ruf eines Bussards.

Ich öffne die Augen und sehe ihn, wie er gemächlich seine Kreise am blauen Himmel zieht. Doch eine Krähe kommt mit eilfertigem Flügelschlag daher und attackiert ihn. Er dreht sich geschmeidig im Flug auf den Rücken und zeigt dem Angreifer die krallenbewehrten Füße. Erschrocken weicht die Krähe zurück. Doch so schnell gibt sie nicht auf. Mit neuem Mut stürzt sie sich wieder auf ihn. Er wehrt sie auf die gleiche Weise ab. Er tut es aus der Position des Stärkeren mit einer gewissen Lässigkeit. Sie kann ihm nichts anhaben. Es ärgert und belästigt ihn nur. Nach vier vergeblichen Versuchen zieht sich die Krähe zurück.

Unten am Boden an einer durch das lange Hochwasser des Rheins brachliegenden Fläche in einem Getreidefeld haben Kiebitze den Schaukampf sehr aufmerksam verfolgt. Zwischen kurzen Grashalmen und Wildkräutern bewegen sich kleine flauschige Köpfe. Sie führen Junge und sind deshalb besonders aufmerksam. Plötzlich nehme ich aus dem Augenwinkel einen braunen Schatten wahr. Mein erster Gedanke ist: ohje, ein Hund. Doch die Kiebitze bleiben seelenruhig sitzen, und ich erkenne im nächsten Moment, daß es ein Hase ist, der hoppelnd ihren Platz kreuzt. Offensichtlich kennen sie ihn gut, und weder sie noch ihre Kleinen müssen sich vor ihm fürchten.

Auf der anderen Seite des Weges, oben auf den noch nicht reifen Weizenähren, sind zwei Vögel gelandet. Ob sie es wohl sind? Das bloße Auge erkennt nur etwas Helles, doch das Fernglas gibt schnelle Auskunft. Ja, sie sind´s. Es sind Herr und Frau Schafstelze. Die Brust des Männchens ist von einem so unglaublichen Gelb, daß man geneigt ist zu glauben, einen Exoten vor sich zu haben. Vor kurzem haben wir die beiden just an gleicher Stelle schon mit zwei Jungen gesehen, und nun hat das Weibchen den Schnabel voll trockener Hälmchen, so daß es fast nach einem erneuten Brutversuch aussieht. Hoffentlich schaffen sie es noch einmal, bevor das Getreide gemäht wird. Der Feldweg ist durch die Ackergeräte holprig geworden, doch das ist auch gut so. In den Vertiefungen ist das Wasser stehengeblieben, so daß dort allerlei Vögel baden und trinken können. Auch Schmetterlinge und Insekten lieben die feuchten Stellen. Plattbauchlibellen haben sich zum Liebesspiel eingefunden und machen trotz enger Verbindung, dem sogenannten Paarungsrad, ihre rasanten Flugmanöver über der Pfütze, die sich lang hinstreckt und so zu einem Minisee geworden ist.

Wir fahren mit dem Fahrrad ein Stück weiter und halten erst, als wir einen gar melodiösen Ruf hören: „Dü-düdeliö“, „Dü-düdeliö“. Es ist der Pirol, den man auch im Volksmund „Vogel Bülow“ nennt. Er ist etwas größer als ein Star, und sein Körper ist von atemberaubendem Gelb mit Flügeln so schwarz wie die mondlose Nacht. Ich kenne ihn nur von Fotos, denn er ist ein Vogel der Baumwipfel, der selten in den unteren Gefilden zu sehen ist. Man muß schon großes Glück haben, wenn man ihn dennoch einmal sieht. Und - wir haben es.

Während ich gerade versuche, einen unserer schönsten Schmetterlinge, den Admiral, zu fotografieren, entdeckt mein Mann den Pirol. Ich lasse umgehend von meinem Vorhaben ab und geselle mich zu ihm. Und dann sehe ich ihn auch. Er sitzt in einer kleinen Eberesche und fliegt mehrmals auf die Wiese hinaus, wo er, ähnlich wie ein Falke, anfängt zu rütteln und immer wieder nach Insekten schnappt. Dabei spreizt er seinen Schwanz und breitet die Flügel aus, die sekundenlang vibrieren und ihn fast in der Luft stehen lassen, bevor er die über der Wiese fliegenden Insekten fängt. Die Sonne läßt das satte Gelb seiner Federn aufleuchten. Als sich Leute mit Hund nähern, verschwindet er plötzlich zur anderen Seite. Wir bleiben noch eine Weile stehen. Doch er kommt nicht wieder.

Wir fahren nach Hause und lassen Urdenbacher Kämpe, Haus Bürgel und Baumberger Aue hinter uns zurück. Die schönen Erlebnisse dieses Sonntags werden uns sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben.                 (Juni 2001)

 


Es gibt unglaublich

wenige Leute

auf dieser Welt,

die sich wirklich bewusst sind,

dass sie nur das essen können,

was die Photosynthese

der grünen Pflanze erzeugt,

dass man Essbares nicht

"machen" kann.

Konrad Lorenz


 

Frühling, ja du bist's!
Spaziergang im März

von INGRID KNEBEL

 

Allzu offensichtlich ist es noch nicht mit diesem Frühling, doch wenn man sich bückt, dann sieht man ihn schon, und hören kann man ihn auch.

  
Gestern gingen wir auf unserem „Kernbeißer“-Weg, der durch den kleinen
Wald hinter den Wiesen von Haus Bürgel führt und hielten Ausschau nach diesem größten unserer Finken mit seinem mächtigen Schnabel. Wir hatten kein Glück in dieser Beziehung, doch die Luft war erfüllt mit vielerlei Tönen. Da balzten und zankten die Wacholderdrosseln mit rüden Stimmen. Vom nahen Feld ertönte der klare Ruf des Bussards. Eine Lerche tirilierte so fröhlich, als wollte sie damit das noch recht unfreundliche Wetter wegzaubern.

   Nicht weit entfernt hämmerte ein Specht sein rhythmisches Stakkato. Vor
uns flogen flügelklatschend ein paar Ringeltauben auf. Eine Singdrossel flötete betörend und deklassierte den Gesang des Buchfinken. Das Kollern eines
Fasanes drang aus der Ferne zu uns herüber. Ein Trüppchen Meisen tummelte
sich hektisch in den kahlen Bäumen, die noch nicht die geringste Absicht bekundeten, mit neuem Leben die braunen schützenden Hüllblätter der Knospenansätze zu sprengen.

   Einige der Eichen und Hainbuchen standen jedoch in vollem Laub, und das
schon den ganzen Winter über. Sie waren gewissermaßen immergrün. Aber es waren nicht ihre eigenen Blätter, die sie trugen, es war der besitzergreifende
Efeu, der in tückischen Umschlingungsvariationen schwelgte. Seine Haftwurzeln hatten die Rinde des Wirtes so fest im Griff, daß sie mit ihr eine unlösbare
Liaison bildeten. An verschiedenen Stellen hatten Kinder mit Messern versucht,
die oftmals ober­armdicken Stränge, die über und über mit trockenen kurzen Luftwurzeln besät waren und sich wie stachlige Schlangen den Baum hochwanden, zu durchtrennen. Doch das zähe Geschlecht des Efeus hatte widerstanden.

   Noch dominierte das welke Laub am Fuße der Bäume, doch bei näherem Hinsehen zeigte sich, daß unter und zwischen den braunen Blättern ein Heer
von kleinen Pflanzen heranwuchs. Die Erde offenbarte erneut ihre wunderbare Kraft und mahnte uns, pfleglich und behutsam mit ihr umzugehen.

   Einige der Winzlinge waren schon gut zu erkennen, so das Scharbockskraut
mit seinen herzförmigen, glänzenden Blättern. Die rötlich überlaufenen,
behaarten Stiele und die zierlichen fiederschnittigen Blätter waren vom Storchschnabel. Die gekerbten, stumpfgrünen Blätter gehörten der Gundelrebe und die gelappten, zarten Blätter dem Moschuskraut. Feine Blattquirle wiesen
das Labkraut aus. Alles war noch mehr oder weniger en miniature, nur der Gefleckte Aronstab, der wie eine gerollte Tüte aus dem Boden stößt, hatte
schon teilweise vollentwickelte Blätter, die zeigten, daß sie trotz des Namens
nicht immer gefleckt sein müssen.

   Als Naturschützer ist man gehalten, großflächig und vernetzt zu denken, doch manch einer hat darüber vergessen, welche Beglückung im Detail liegt.

                                            (1993, STOPpelfeld Heft 11)


 

An einem offenen

Paradiesgärtlein

geht der Mensch

gleichgültig vorbei und

wird erst traurig,

wenn es verschlossen ist.
 

Gottfried Keller (1819-1890)


 

Unterwegs von Haus Bürgel nach Hitdorf

Von Ingrid Knebel

 

Nachdem wir das römische Kastell „Haus Bürgel“, das ein markanter Punkt in der Landschaft zwischen Düsseldorf-Urdenbach und Monheim-Baumberg ist, hinter uns gelassen haben, kommen wir an den Pferdeweiden vorbei, wo man oft die schönen Rheinischen Kaltblüter, die so gemütliche Namen wie Ida, Emma oder Hanni haben, bewundern kann.
   Bevor wir in den Waldweg parallel zum Feldweg einbie­gen, fällt noch die alte, imposante Baumruine einer Ulme ins Auge, die gleichermaßen Aussichts-, Rast- und Nistplatz für mancherlei Vögel ist. Schaut man links in das lichte Wäldchen, sieht man, wie der urwüchsige Efeu viele Bäume fest im Griff hat. Er windet sich besitzergreifend die Eichen hinauf und gibt selbst im Winter den Bäumen ein eigenartig grünes Leben. Wirft man zur anderen Seite einen Blick durch die Hainbuchen, kann man bei günstiger Thermik Bussarde beobachten, die sich gemächlich in die Lüfte schrauben. Manches Mal lösen sich mehr als ein Dutzend von ihnen so nach und nach aus den Eichen am Ende des Feldes und lassen ihren katzenartigen Ruf, der ihnen auch den Namen Katzenaar eintrug, zu uns herüberschallen.
   Dunkle Wolken liegen über dieser Landschaft. Ein Graf hat Pläne. Und diese heißen – ach so zeitgemäß – Golf. Noch konnten Monheims Naturschützer dieses Vorhaben verhindern, doch erst, wenn dieses Gebiet voll unter Naturschutz steht, können Tiere und Menschen endgültig aufatmen.
   Doch zurück auf unseren lauschigen Waldweg, wo man im zeitigen Frühjahr manchmal den recht seltenen Kern­beißer beobachten kann.
   Wenige Minuten später schimmert schon der Rhein durch die Büsche. Es dauert aber noch eine Weile, bis er uns näher begleiten wird. Erst muß der Campingplatz umgan­gen werden, der von Frühjahr bis Herbst das Rheinufer ein langes Stück für den Wanderer sperrt. Doch gewissermaßen als Entschädigung hält der Umgehungsweg eine Rarität bereit, die nicht nur visuell beeindruckt, sondern sich schon Meter vorher der Nase ankündigt. Es ist der Bärlauch, der ab Mitte Mai seinen intensiven Knoblauchgeruch verströmt. Er steht nur an einer Stelle, doch dort in verschwenderi­scher Fülle. Die sternförmig angeordneten weißen Blüten sind unverkennbar der edlen Familie der Liliengewächse zuzuordnen.
   Das Leben in diesem kleinen Auwald mag gar manches auf Ordnung bedachte Auge irritieren. Und doch liegt in all dieser Unordnung ein tiefer Sinn: Leben, Vergehen, Leben. Die abgestorbenen Äste und umgefallenen Bäume sind be­siedelt von Moosen, Pilzen und Kleinlebewesen bis sie end­gültig zerfallen, wieder zu Humus werden und Raum für neues pflanzliches Leben schaffen.
   Beim Sinnieren wird man vielleicht plötzlich aufhorchen und einem wohlklingenden „Düdlio“ oder „Tschak-tschak-lio“ lauschen. Es ist der Vogel „Bülow“, der Pirol, der seinen charakteristischen Ruf ertönen läßt. Es ist ein großer Zufall, ihn, den Baumwipfelbewohner, einmal zu Gesicht zu be­kommen. Doch nur schon, ihn zu hören, ist ein Erlebnis.
   Bemerkenswert noch sind die auf Bäumen schmarot­zenden immergrünen Misteln, die zwar überall vereinzelt im Gebiet vorkommen, doch hier eine mächtige Pappel inmit­ten einer Robiniengruppe auffallend dicht besiedelt haben. Sie bilden kugelige Büsche auf ihrer Wirtspflanze, und mit dem Fernglas kann man sogar die glasigweißen Beeren erkennen.
   Vom nahen Rhein ist unablässig das an- und abschwel­lende Tuckern der Schiffe zu hören. Ein kleines Lokal mit großer Terrasse zum Fluß hin heißt nun den vielleicht schon ermüdeten Wanderer „Herzlich Willkommen“.
   Dann erreichen wir den Hochspannungsmast, der mit seinen Überlandleitungen einen mißlichen Strich durch die Landschaft zieht. Am Fuße des Mastes leben immer noch die damals zum Fällen markierten Bäume, wo in nunmehr verblaßter Schrift Naturschützer „NIE“ draufschrieben. Es hat geholfen.
   Und nun endlich liegt der Rhein als glitzerndes Band vor uns. Wir befinden uns am Stromkilometer 716. Das nun folgende kleine Wegstück ist stark gezeichnet von seinem unberechenbaren Nachbarn. Bei jedem mittleren Hoch­wasser wird es überspült. Zurück bleibt dann der Wohl­standsmüll, der das Auge beleidigt und Sträucher und Bäume verunziert. Aber auch Erfreuliches ist bei günstigen Bedingungen zu sehen: die wunderschönen Prachtlibellen.
   Vor dem Anlegesteg des Bootes an der Baumberger Rheinterrasse nach Zons wächst an der Uferböschung neben gelber Wiesenraute, Seifenkraut und Sumpf-Schaf­garbe, der Wiesen-Alant, der mit seinen gelben Blüten ein auffallend schöner Korbblütler ist.
   Unser Weg geht jetzt oberhalb der Treppe weiter. Die wenigen Meter Niveau-Unterschied lassen ihn bei Hoch­wasser viel länger begehbar sein, als das kleine Stück zuvor.
   Auf dem nun folgenden Rheinuferweg entfaltet sich von April bis weit in den Oktober hinein eine wunderbare Flora. Zwischen den Ritzen der ungefügen Basaltsteine sprießt es so wild und ungehemmt, daß es eine Lust ist, hier zu ver­weilen. Und wer nun gar sein Pflanzenbuch zur Hand nimmt, wird beim Bestimmen leicht ob der Vielzahl der Wildkräuter ins Schwitzen geraten. Hier wurden vom Monheimer Naturschutz an die 130 Pflanzenarten kartiert.
   Das erste Kraut, das nach der kahlen Zeit des Winters ganz offensichtlich ins Auge fällt, ist der gelbe Färberwaid, der im Mittelalter zum Färben von Stoffen verwandt wurde.
   Ein schöner Wiesen-Storchschnabel-Bestand befindet sich am Anfang dieses Weges, links, direkt hinter dem Park­platz.
   Ende Juni scheint es dann, als hätte das Ufer sein duftig­stes Brautkleid angelegt. Üppig weiß wogen die großen Dolden des Knollen-Kälberkrautes im Wind und bilden zu den grauen Fluten des Flusses einen reizvollen Kontrast.
   Ein einzelnes Exemplar der Echten Engelwurz, auch Erzengelwurz genannt, hat sich hierhin verirrt. Es ist eine sehr viel kräftigere Pflanze als der Wiesen-Bärenklau und nahezu zweieinhalb Meter groß und mit wundervoll aroma­tischen Blättern. Schon früher kannte man die heil­samen Kräfte der Pflanze. Noch bis in die heutige Zeit weiß man sie bei der Likörherstellung zu schätzen.
   Das Jakobsgreiskraut blüht um Jakobi (25. Juli) an den Rändern einer etwas höher gelegenen Weide.
   Auch der Rainfarn, nur phonetisch an den Rhein erin­nernd (sein Name leitet sich jedoch von Rain gleich Acker­grenze ab), wird schon bei der Heiligen Hildegard „als heilige Pflanze und Zutat zu Fleisch und Kuchen“ erwähnt. Er ist leicht an seinen kleinen, gelben Knöpfen ähnelnden Blüten und den farnähnlichen Blättern zu erkennen.
   Ein sehr interessantes Gewächs ist die parasitische Nesselseide, die alles umgarnt, was sich ihr anbietet. Sie zieht ein bleiches Fadengewirr über die Pflanzen und entzieht ihnen mittels ihrer Saugorgane alle Kraft.
   Weniger aggressiv, doch sehr auf Abstand bedacht, ist der Feld-Mannstreu. Wer ihn nicht genau kennt, ordnet ihn den Disteln, also den Korbblütlern zu. Doch mit seinen grünen, kugeligen Blütenköpfen und den bizarren, distel­artig bestachelten Blättern gehört er zu der Familie der Doldenblütler.
   Von Juni bis August erfreut die Bunte Kronwicke in vielen Rosatönen den Wanderer. Doch auch andere Schmetter­lingsblütler, wie die Vogel-Wicke, der Echte und der Weiße Steinklee, die Luzerne, die Dornige Hauhechel und einige andere wechseln sich in anmutiger Folge ab.
   Ob blaue Korbblütler, rote Nelkengewächse, rosa Schmetterlingsblütler, gelbe Kreuzblütler, weiße Winden­gewächse oder lila Lippenblütler, alle tragen sie dazu bei, diesen Weg auf erbaulich ursprüngliche Weise zu begleiten.
   Doch leider – alle Herrlichkeit hat einmal ein Ende, auch dieser schöne Weg, der auf der Straße nach Monheim nun endet.
   Jetzt geht es ein Stück an der mit Graffiti bekritzelten Mauer des Shell-Werkes entlang bis uns erneut ein strenger Geruch aufmerksam werden läßt. Ja, es ist der Baldrian, der hinter den Anlagen der Shell in der Rhein-Böschung wächst.
   Vor uns auf der linken Seite fürchtet sich ein altes Kirch­lein vor einem häßlichen Hochhaus. Genau gegenüber führt der Weg über den aufgeschütteten Rheindamm an dem Parcours eines Monheimer Reitervereins vorbei.
   Nun kann man kräftig ausschreiten: Die Landschaft ist fortan eine vom Menschen geprägte. Die Wiesen am Damm sind fein säuberlich gemäht und dulden kaum Wildblumen. Die letzten knorrigen Weidenbäume werden von artig in Reih und Glied stehenden Pappeln abgelöst. Allerdings unterbrechen schöne Feldgehölze die Monotonie der großen Äcker, die meistenteils vom mächtigen Nachbarn Bayer be­wirtschaftet werden.
   Wir kommen zum „Ödstein“: ein wahrhaft öder Fleck mit einem Lokal. Diesem kleinen Lokal drohen von der anderen Rheinseite die Anlagen der Petrochemie von Dormagen mit ihrem zum Himmel stinkenden Wolken. Diese abstoßende Szenerie lädt gewiß nicht zum langen Verweilen ein.
   Danach werden die Wiesen wieder etwas farbiger. Sie sind nicht mehr so penibel kurz gehalten. Wiesen-Bocksbart und Salbei sind zu sehen, bis die schönen Pferde von Gut Blee das Auge ablenken. – Nun ist Hitdorf nicht mehr fern.                                                                    Monheim-Baumberg, 30. Januar 1988

 


 

Wir sind als Art biologisch

unentrinnbar ein Teil der Natur –

lebend an ihr Leben,

leidend an ihr Leiden und

sterbend an ihr Sterben

gebunden.

Horst Stern

 


 

Baumbergs Weg am Rhein
Von Ingrid Knebel

Winter haben wir jetzt, und grau und kahl sind Bäume und Büsche am Rheinufer. Von manchen Pflanzen ragen nur noch die vertrockneten Stengel und Fruchtstände unansehnlich aus dem Boden. Die Böschung mit ihren ungefügen Basaltsteinen fällt kalt und nackt ins Wasser. Der Weg ist bucklig, gezeichnet vom Hochwasser, unterschiedlich breit und oftmals geflickt. Und es ist nicht auszuschließen, daß der Absatz eines feinen Frauenschuhs gelegentlich schon einmal in den aufgebrochenen Spalten steckengeblieben ist.
   So ungeschminkt daliegend, scheint die Baumberger Rheinpromenade förmlich zu einer Verjüngungskur aufzufordern. Doch weit gefehlt! Der kritische Beobachter erwischt die Weg-Begleiter gerade in einer Phase größter Bescheidenheit: dem jahreszeitlich bedingten Stillstand.
   Doch wenige Monate später ist alles anders, und der holprige Weg kei­ner besonderen Beachtung wert, denn um ihn herum hat die Natur ihr Prachtkleid angelegt, und auch er profitiert optisch davon. Etwas alt­modisch vielleicht, doch sehr harmonisch führt er nun durch eine üppig entwickelte Vegetation.
   Da sieht man an manchen Stellen dichtgedrängt das hochgewachsene Knollen-Kälberkropf stehen, das in guten Jahren übermannsgroß wird. Rotbraun glänzen die Stengel in der Sonne, und wenn der Wind in den weißen Dolden mit den unzähligen Blüten spielt, dann bildet dies einen anmutigen Kontrast zu dem dunklen Gewoge des Flusses.
   Um den Weg herum blüht es rot und gelb und weiß und lila. Die kleinen Füchse tummeln sich auf den Disteln und fliegen in ihrem taumeligen Schmetterlingsflug von einer Blüte zur anderen. Zu manchen Zeiten gibt der Färberwaid mit seinen vielen gelben Kreuzblüten den Ton an, zu anderen der Sumpf-Ziest oder gar die in vielen Rosatönen blühende Kronwicke. Und wenn man Glück hat, streift einen der aromatisch Duft von Minze und Thymian.
   Den Frühling jedoch kündigen die Weidenkätzchen und die gelben Blütensterne des Scharbockskrautes an, die sich schon herauswagen, wenn der Mensch noch mit roter Nase und kalten Händen herumläuft. Doch das Salat-Rapünzchen mit seinen winzigkleinen Blüten wird von kaum jemandem bemerkt, obwohl es dicht am Weg wächst. Der Milchstern dagegen ist eine auffallend schöne Blume mit seinen großen weißen Blüten. Es ist ganz offensichtlich, daß er zur Familie der Liliengewächse gehört.
   Acker- und Zaunwinden, die in Gärten und Anlagen nicht wohlgelitten sind, können sich hier austoben und überziehen oftmals sogar Grasstücke, mangels höherer Gewächse, mit ihren schönen trichterförmigen Blüten und lassen Assoziationen zu einem Teppich mit floralen Motiven aufkommen. Ein Schmarotzer ist die Thymian-Seide, die über andere Pflanzen mit einem wilden Gewirr von roten Fäden herzieht und ihre eigenen Wurzeln aufgibt, wenn sie ihren Wirt mit ihren Saugwarzen fest genug im Griff hat.
   Gewiß sind jetzt hier noch nicht alle Pflanzen erfaßt, und doch ist es eine stattliche Liste geworden, die es wert ist, über den Erhalt eines kleinen intakten Gebietes einmal nachzudenken.
   Und wenn jemand demnächst alles in Augenschein nehmen möchte und manches auf Anhieb nicht findet, was erwähnt wurde, so sollte niemand an sich zweifeln, denn auch Sehen will gelernt sein.                                  15. Januar 1986

 

 

 

   

 

Der Vögel Entsetzen
Von Ingrid Knebel

Es ist ein Sonntag im Oktober und blendend schönes Wetter. Der Himmel ist azurblau und wolkenlos. Dies ist das Wetter der Bussarde. Zu vielen sammeln sie sich, um sich dann in großen Kreisen gemächlich in den Himmel zu schrauben. Die Baumber­ger Auenlandschaft ist ihr Revier. Sie mögen das Wäldchen und die Felder, den Tümpel und die Wiesen. Hier fühlen sie sich heimisch. Doch heute ist kein Bussard am Himmel, obwohl die Herbstsonne sich sommermild gibt und die Thermik ideal ist. Auch kein anderer Vogel ist zu sehen. Weder Krähen noch Tau­ben. Ein Fremdling ist in den stillen Luftraum der Vögel eingedrungen und zieht knatternd und bunt in geringer Höhe seine Runden. Es ist eins jener Leichtbauflugzeuge, die jetzt immer mehr in Mode kommen. Die Flügel sind knallgelb mit leuchten­dem Rot, und man kann den Piloten zwischen den darunter hängenden Metallgittern sitzen sehen.

   Die Leute sind von den Fahrrädern gestiegen und starren mit den Fußgängern in den Himmel. Manch einem mag beklommen das Herz klopfen, wenn er sich ausmalt, daß dies der Anfang einer neuen Modewelle sein könnte. Irgendwo sitzen in den Bäumen verborgen die Bussarde und halten die Luft an. Sie beäugen verstört das Ungetüm, das da ihren Luftraum durch­pflügt. Es ist viel größer als der Rotmilan, mit dem sie immer in ein Geplänkel verwickelt sind. Es ist auch schlimmer als ein Pulk lästiger Krähen. Es ist etwas bedrohlich Fremdes. Es ist aufdringlich laut, und ein Mensch, dem man sonst durch einen raschen Flügelschlag in die Lüfte entkommen kann, sitzt darin.

   Verwirrt verfolgen die Augen der Bussarde das Untier, das kreisend über das Naturschutzgebiet fliegt, vorbei an den vom Herbst buntgefärbten Bäumen, über den Feldern abschwenkt und hinter dem Wäldchen verschwindet. Die Tauben sind die ersten, die aus ihrer Erstarrung erwachen und einen kurzen Flug wagen.    (1986, STOPpelfeld Nr. 1)

 


                              

 

                            Hochwasser

                                         Eindrücke von Ingrid Knebel
 

Und wieder einmal zeigte der Rhein seine ganze Verachtung für die
Wegwerfgesellschaft. Er übergab sich heftig in den Wiesen und entledigte
sich auf elementare Weise all des Unverdaulichen, mit dem man ihn von
Anfang an gefüttert hatte. Dann kroch er behutsam wieder in sein Bett
zurück und hinterließ auf den Wiesen eine bunte Kakophonie in Plastikmüll.
Es schien ihm Spaß gemacht zu haben, Bäume und Zäune auf die
absonderlichste Art zu schmücken. In manchen Senken ließ er Wasser
zurück, das einen Geruch von Verwesung verströmte.

   Die Wiesen hatten ergeben den Wutausbruch des unbere­chenbaren
Nachbarn hingenommen und duldeten die Degradierung zum Müllhaufen.
Jedoch die Baumkronen schüttelten mißbilligend ihre Köpfe und warfen
strafende Blicke auf den Rhein, der ihre unteren Äste mit Plastiktüten,
zerbrochenen Plastikwannen und -eimern dekoriert hatte. Resigniert
senkten die Sträucher ihre Zweige, gefesselt an Pla­stikfragmente,
behangen mit Autoreifen, verdammt zur Unansehnlichkeit und unfähig,
sich aus eigener Kraft des ungeliebten Ballastes zu entledigen.

   Wellen, die an den Kribben nachlaufen spielten, bewarfen sich in
anmutiger Weise mit Styroporflocken, bis das nächste Schiff dem Spiel
ein Ende bereitete und alles in einer großen Welle an Land spülte.

   Einträchtig hatte sich alles versammelt, was Rang und Namen hatte,
zerkratzt, löchrig, geborsten zwar, doch sehr präsent: Spüli neben Lenor,
Shell-Kanister neben Autoreifen, Bierflaschen bei Milchtüten, Autositze
und Waschmaschinentrommeln.

   Wie rührend machte sich da ein Zaunkönigpärchen aus, das – trotz
des Unrats – in seinem Revier blieb und sicherlich auf bessere Zeiten hoffte.

   Der Fluß hatte den Schwarzen Peter, der so lustig bunt aus­sieht,
an das Ufer und die Wiesen weitergegeben und diese ihrerseits hofften
jetzt auf den Menschen.

   Dem fröhlichen Wanderer hatte der Rhein einen Spiegel vor die Füße
gespuckt, darin dieser betroffen sein Pla­stikgesicht betrachten konnte.

                                                                                                                                                                            Erschienen in der Rheinischen Post
                         am 7. März 1981


 

Ein Sonntag zum Verlieben

Von Ingrid Knebel

 

Und wieder einmal hatte der Rhein mit wilder Kraft seine Hochwasserfluten
durch das Bett des Alten Rheins bei Düsseldorf-Urdenbach getrieben und
Wiesen und Felder überschwemmt und die parkähnliche Landschaft in eine abwechslungsreiche Seenplatte verwandelt.
  
Die Sonne strafte die Vorhersage der Wetterfrösche Lügen. Am blauen mit dicken, schneeweißen Wolken verzierten Himmel tirilierten die Lerchen und erzeugten ein frühjahrliches Wohlgefühl in der Brust. Einige Kiebitze – wohl
die Vorhut – waren schon zu ihren Brutplätzen zurückgekehrt und erfreuten
uns mit ihren eleganten Flugvorführungen, in schneller Folge mal die schwarzen, mal die weißen Federn präsentierend, dazu stießen sie ihre klaren melodiösen Laute aus, die an See, Wind und Urlaub denken ließen.
   D
ie Bäume, deren Füße im Wasser standen, die Wolken und der blaue Himmel spiegelten sich in nahezu perfekter Weise im Wasser wider – und wenn nicht
durch die unbelaubten Zweige der Bäume die Hochhäuser von Garath sichtbar gewesen wären, man hätte sich in einer anderen Welt gewähnt, in einer, die
man heutzutage so abfällig mit „Heile Welt“ bezeichnet. Und so drangen denn
auch aus der unweiten, unheilen Welt auf einmal die Martinshörner zu uns herüber, und über unseren Köpfen durchpflügte ein Rettungshub­schrauber den Himmel. Nachdem die Zivilisation ihre akustischen und optischen Reize eingesammelt hatte, konnten wir wieder in den beschaulichen Frieden der
Umwelt tauchen.
  
Unmengen männlicher Weidenkätzchen hatten ihre silbrig-glänzenden
Köpfchen neugierig aus den kahlen braunen Zweigen gesteckt; einige Äste beugten sich sogar zum Wasser nieder, um sich besser darin bewundern zu können.
  
Jenseits einer wassergefüllten Senke entdeckten wir auf einer Grasinsel eine dicke Bisamratte, die abwechselnd flink durchs Wasser schwamm und dann
auf der Wiese an irgendetwas nagte. In dem Bestreben, näher an den Bisam heranzukommen, mußten wir die Senke umgehen und uns durch ein kleines Waldstück arbeiten, das uns entfernt an einen Miniatur-Urwald erinnerte: Verrottete mit grünen Moosen bezogene Äste und Zweige lagen in wildem Durcheinander am Boden, oftmals garniert mit ulkig geformten Pilzen, deren eine Art eine frappierende Ähnlichkeit mit menschlichen Ohrmuscheln in allen Größen hatte. Eine andere Art war leuchtend orangefarben und sah ungemein glitschig aus. Einer der trockenen Zweige griff wie ein unartiges Kind nach meiner Mütze und riß sie mir vom Kopf.
  
Wir schafften es nicht, näher an den Bisam heranzukommen (was diesem sicherlich nicht unangenehm war), da sich das Gelände unmerklich senkte,
was nur an dem immer tiefer werdenden Wasser festzustellen war.
  
Den Wald hinter uns lassend, standen wir auf einmal einer wunderlichen Gesellschaft gegenüber: Es waren dickstämmige knorrige Weiden, die jedoch
nur einen halben Meter hoch waren und an deren von den Korbflechtern gestutzten struppigen Köpfen noch einzelne Weidenruten wie Antennen in die Luft ragten. Das Wasser gab ihre bizarren Formen auf die lustigste Weise wider.
  
Immer mehr Wolken vereinigten sich jetzt und schlossen das Blau des
Himmels weg. Vor der Sonne lagerten schon schwarzgraue Wolken, die nur
noch an den erleuchteten Rändern ahnen ließen, daß sich etwas Helles hinter ihnen verbarg.
  
Ein aufkommender Wind kräuselte die Wasseroberfläche und verwandelte
die naturalistischen Spiegelbilder in moderne Malerei, zersetzte die Formen
der Bäume in Wellen und unterbrochene Linien.
  
Mein Mann drängte auf eine schnellere Gangart, was jedoch gar nicht so
leicht in dem wässrigen Gelände zu verwirklichen war. Und eine halbe Stunde
von Baumberg entfernt zeigte es sich dann, daß die Wetterfrösche mal wieder recht gehabt hatten mit ihrem angekündigten Schneeregen und sinkender Temperatur. Es regnete eiskalt und in Strömen. Doch all das kalte Wasser konnte nicht die Erinnerung an einen wunderschönen frühlingshaften Sonntag wegspülen; im Gegenteil – selbst dieser Abschluß bestärkte uns in dem Gefühl, einen ungewöhnlichen Tag erlebt zu haben.                                              (März 1981)


 


 

 

Ingrid Knebel

Von Unwettern und Gedankenverbindungen

 

Wenn ich an das letzte große Unwetter denke, da muß ich sagen, endlich hatte es die Natur geschafft, in aller Munde zu sein. Erst auf diese gewalttätige Art und Weise – wie sie Wasser in die Keller schüttete, viele Straßen unbefahrbar machte, in Baumberg als Windhose Dutzende von hohen Bäumen entwurzelte oder wie Streichhölzer abknickte und Spazierwege blockierte – nötigte sie uns endlich Respekt ab, wenn nicht sogar: Sie flößte uns Angst ein. Dieses Mal hatte sich das Blatt gewendet. Die Natur war gegen uns. Für viele wohl ein ziemlich ungewöhnlicher Aspekt, wo eigentlich doch sonst der Mensch es ist, der es als sein natürliches Recht betrachtet, mit der Natur umzuspringen, wie es gerade in sein individuelles Konzept paßt.

Wir sollten erkennen lernen, daß es sich lohnt, auch die übrige Na­tur einmal eines näheren Blickes zu würdigen. In den Städten al­lerdings erinnert nicht mehr viel an Natur, und in den bewohnten Randgebieten zeigt sie nur zu oft ein recht steriles Einheitsgesicht. Dabei könnte so mancher der Natur wieder zu mehr Natürlichkeit verhelfen, wenn er nicht immer so ordnend eingreifen würde. Fängt es nicht im kleinen schon damit an, daß die Gärten wie die Guten Stuben gepflegt werden, heimische Hecken und Laubbäume als zu arbeits- und schmutzaufwendig empfunden und entfernt werden, und vielen Hobbygärtnern erst der Winter die Giftspritze aus der Hand nimmt? Wenn dem letzten sichtbaren Insekt der chemische Garaus gemacht wurde, fangen viele erst an, sich in ihrem Garten wohlzufühlen. Jedoch nach all diesen zweifelhaften Verschöne­rungskuren hat man den Vögeln und sonstigen Tieren die Nah­rungsgrundlage und die Versteckmöglichkeiten in Hecken und Laub entzogen. Egoistisch hat der Mensch eine wichtige Nah­rungskette vor seiner Haustür unterbrochen.

Es gibt natürlich noch viele Menschen, die den Erholungswert in der freien Natur für Körper und Seele durchaus erkennen. Doch kann man immer wieder zwei Arten von Liebhabern beobachten: nämlich die so ungemein aktiven und die passiven. Beide Arten fühlen sich sehr zur Natur hingezogen. Während die einen den friedlich im Feld sitzenden Hasen unbedingt Beine machen müs­sen, die ersten Weidenkätzchen furchtbar gern in die Vase stellen, die herrlichsten Wildblumen zu dicken Sträußen pflücken, die Fa­sane am liebsten aufgeschreckt fliegend sehen, bewundern die an­dern auf unauffällige, auf eine sich in die Umwelt einfügende Art und Weise die Natur und sind erst so fähig, die unnachahmliche Vollendung zu sehen.

Es ist die Tragik der Natur, daß sie auf lautlose Weise, ohne einen alarmierenden Aufschrei, dahinstirbt, daß sie nicht fähig ist, bei Verstößen Denk- oder Strafzettel auszuteilen. Gerade diese Wehr­losigkeit sollte uns bewegen, mit ihr behutsam umzugehen und als ihr Beschützer aufzutreten. Was ausgerottet ist, ist unwiederbring­lich dahin. Bauwerke und technische Apparate sind vergleichswei­se leicht zu erstellen, aber um einen alten gefällten Baum zu erset­zen, bedarf es vieler Jahrzehnte des ungestörten Wachstums, bis er vielleicht einmal so groß und stark ist wie der vorige es war.

Jedoch die Ängste eines Unwetters sind rasch vergessen. Nur zu gern schiebt man die unbequemen Gedanken beiseite und be­trachtet weiterhin die Natur als Kulisse, die je nach Lust und Laune auf eine ihr unangemessene Art verändert werden kann. Man sollte immer bedenken, der einzelne gefällte Baum kann sich zwar nicht rächen, doch in dem Naturbau fehlt ein Stein, dann fehlen zwei, dann immer mehr, bis das ganze Gebäude einen bedrohlichen Knacks bekommt. Vielleicht schaffen wir es, noch vor diesem Zu­stand wachzuwerden.

Man sollte nicht immer warten, bis der Nebenmann mit Umwelt­schutz anfängt. Ich
glaube, jeder sollte und könnte schon mal ganz für sich damit beginnen.              (5/1981)


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